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Gitarrist Ali Neander : Der ewige Grenzgänger

  • -Aktualisiert am

Gibson-Mann: Ali Neander und sein Instrument, hier während eines Konzerts seiner Rodgau Monotones Bild: Michael Braunschädel

Der Gitarrenvirtuose Ali Neander verfolgt ein neues Projekt: Das Urmitglied der Rodgau Monotones will mit seinem Organ Quartett loslegen. Dabei geht es um Jazz und Bossa-Nova-Rhythmen.

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          Moden kommen und gehen. Auch in der Popkultur. Kehren sie wieder, heißen sie Revival. Nicht ausgeschlossen sind ein zweites oder gar drittes Revival. Albrecht „Ali“ Neander, seit 1977 Gitarrist der hessischen Rock-Institution Rodgau Monotones, definiert hingegen seine einst im Landkreis Offenbach formierte Stammband folgendermaßen: „Wir waren bei unserer Gründung schon altmodisch – das ergibt eine gewisse Unabhängigkeit.“ Befragt man die eingeschworene Anhängerschaft, attestiert die ihren Lieblingen gar Zeitlosigkeit. Seit Dekaden befinden sich die Rodgau Monotones, denen schon in ihren Anfangsjahren in den späten Siebzigern mehr an Bluesrock-Koryphäen wie etwa ZZ Top, Johnny Winter oder auch David Lindley lag als an seinerzeit angesagten Punk-Bands wie The Clash, The Damned, The Sex Pistols oder Siouxsie & The Banshees, quasi in einem zyklischen Dauer-Revival.

          Gitarrenvirtuose, Komponist und Arrangeur Ali Neander lässt den mit viel Lokalkolorit („Ei Gude“, „Volle Lotte“, „Die Hesse komme!“) versehenen Rock der Rodgau Monotones gerne mal hinter sich. Blickt der im Frankfurter Stadtteil Schwanheim wohnende Familienvater doch nur allzu gerne über den künstlerischen Tellerrand hinaus. „Mein Hobby ist in der Regel immer die ,andere‘ Band, das Parallelprojekt“, beschreibt er lakonisch diesen Zustand. Das auf Horizonterweiterung ausgerichtete Grenzgängertum gilt Neander, dessen Impuls, sich als Musiker zu erproben, enormen Antrieb erfuhr, als noch in Teenagerjahren ein Schulfreund mit Gitarre und Folksongs am Lagerfeuer von der Damenwelt intensive Blicke zugeworfen bekam, längst als Selbstverständlichkeit.

          Glashaus, Moses Pelham, Xavier Naidoo

          Da ist etwa die Produktion von Film-, TV- oder Werbespotmusiken. Oder seine Beteiligung als Studio- wie Tourbandmitglied in massenkompatiblen Projekten des Produktionshauses 3p (Pelham Power Productions) wie Glashaus, Moses Pelham sowie Xavier Naidoo; die Zusammenarbeit mit dem Rilke Projekt. Verbunden fühlt sich der 1958 in Hamburg geborene Neander aber auch diversen Kollaborationen. Frei nach dem Credo „Nichts ist unmöglich“ dekliniert er da von Pop über Blues, Folk und Rock bis hin zu Soul und Jazz nahezu sämtliche Stile durch, zuletzt etwa bei Ali Neander’s Blues Bang mit der Sängerin Jessica Born. Ebenfalls in bester Erinnerung blieben das Jazz-Projekt Ali Neander feat. Hellmut Hattler oder auch seine Beteiligung an der populären „Woodstock – The Love & Peace Revue“.

          Seit geraumer Zeit fasziniert den Gitarristen aber auch die Hammond-Orgel B3. Ein vollumfänglich auch für Alleinunterhalter geeignetes Instrument, ausgestattet mit einer breiten Palette an Möglichkeiten und orchestralen Ersatzeigenschaften. Unzählige Musiker arbeiteten sich an dem tonnenschweren Ding schon ab – die Musikhistorie weiß um Dutzende zur Legende gereifter B3-Virtuosen in sämtlichen Genres.

          Fabelhafte Mittzwanzigerin aus Mainz

          Im Ali Neander Organ Quartet bedient der Mannheimer Pianist und Keyboarder Robert Schippers die Tasten, dem eine fabelhafte Mittzwanzigerin aus Mainz aber fast die Show stiehlt: Sängerin Caro Trischler. Deren unorthodoxe Herangehensweise an Musik inspirierte Ali Neander überhaupt erst zur Formierung der Gruppe, die von Schlagzeuger und Percussionist Ralf Gustke, sonst in der Band von Xavier Naidoo sowie bei den Söhnen Mannheims aktiv, komplettiert wird. Es sei eine interessante Kombination aus „älterer Gelassenheit und Routine samt junger Energie und neuen Sichtweisen“, freut sich Ali Neander.

          Auf dem beim Frankfurter Label ESC Records erschienenen Album „Jazz:Songs“ schwelgen die vier gemeinsam mit Studiogästen Paul McCandless (Saxophon), Kai Eckhardt (Bass), Joo Kraus (Trompete), Laurent Maur (Harmonika) und Ulf Kleiner (Rhodes) in 13 Stimmungsbildern, darunter sowohl selbstkomponierte Stücke als auch kongenial interpretierte Coverversionen. Im Klangbild der sechziger und siebziger Jahre reicht die musikalische Spanne von einem mit satten Grooves angereicherten Jazz-Fusion-Strom bis hin zu eleganten Bossa-Nova-Rhythmen.

          Eingespielt in Ulm, Mainz, Frankfurt, Dornbirn, Fürth (im Odenwald), Rotenburg an der Fulda, Karlsdorf (bei Bruchsal) und San Francisco, tönt die Musikscheibe, als wäre sie in der Londoner Underground-Szene entstanden. Wobei die Stärke des Ali Neander Organ Quartet auch darin liegt, sowohl auf dem Tonträger als auch im Bühnenlicht eine ungewöhnliche Intensität zu entwickeln. Konzerte sind im vergangenen Jahr wegen Corona allerdings viel zu kurz gekommen: „Weitestgehend alles auf null gestellt hat die Pandemie unsere Branche seit März. Ich wurde seinerzeit mitten auf der Tour mit Moses Pelham nach dem Soundcheck in Stuttgart von der Bühne geholt. Viele Menschen aus Kultur- und Veranstaltungswirtschaft stehen vor dem Nichts“, blickt er zurück und hofft sehr, dass das Ali Neander Organ Quartet in diesem Jahr nun endlich so durchstarten kann, wie es ursprünglich schon für das vergangene Jahr geplant war.

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