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„Everywoman“ in Salzburg : Noch einmal Theater spielen

  • -Aktualisiert am

Ursina Lardi am 17. August 2020 während einer Probe zum Stück „Everywoman“ von Milo Rau Bild: dpa

Schlicht inszeniert und ungemein intim: Das Dokumentartheaterstück „Everywoman“ feiert bei den Salzburger Festspielen Uraufführung. Worum es an diesem Abend geht? Um den Tod – und um die letzten Träume von Helga Bedau.

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          Johann Sebastian Bachs Komposition „Nun komm, der Heiden Heiland“, BWV 659 in g-Moll, spielt Ursina Lardi auf dem Klavier. Mit diesem Wunsch von Helga Bedau, geboren 1949 in Lünen, BRD, geht der Abend „Everywoman“ nach knapp anderthalb Stunden langsam und bedächtig zu Ende. Ein bisschen Text folgt noch, nämlich genau über diesen Punkt sinniert Lardi nach, wenn es zwischen dem Schluss der Aufführung und dem Verlöschen der Bühnenlichter einen Moment der Ruhe und gleichzeitig der Unsicherheit im Publikum gibt. Kommt jetzt noch etwas? Dann aber wird es wirklich finster, und am Premierenabend brandet Applaus auf.

          Dass diese von Ursina Lardi und Milo Rau erarbeitete, beinahe intim zu nennende – in einem im Programmheft abgedruckten Gespräch zwischen Rau und den für die Dramaturgie zuständigen Carmen Hornbostel und Christian Tschirner wird gar der Ausdruck „ultra-intim“ gebraucht – Koproduktion zwischen den Salzburger Festspielen und der Schaubühne Berlin in einem Jahr zustande kam, in dem zumindest in Europa seit fast hundert Jahren nicht mehr gekannte Restriktionen für künstlerische Darbietungen jedweder Art gelten, ist reiner Zufall, aber keineswegs unpassend.

          Im selben Interview erwähnt der Schweizer Regisseur, dass er bereits zwei Jahre zuvor von den Festspielen gefragt wurde, ob er eine Neuinterpretation des nicht totzukriegenden „Jedermann“ von Hofmannsthal wagen wolle. Anfänglich lehnte er ab, bald aber entdeckten er und Lardi, dass sie an dem auf pseudomittelalterlich getrimmten Mysterienspiel weniger der „Tod des reichen Mannes“, auch nicht der Tod als Rolle im Schauspiel, sondern der Tod an sich, als einzige neben der Geburt bestehende Tatsache im Leben interessiert.

          Dann kam ein Brief von Helga Bedau

          Und dann, wieder auf die Bühne geblickt, erzählt Ursina Lardi – die Schweizerin lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Berlin, arbeitet an der Schaubühne und immer wieder mit Milo Rau zusammen –, habe sie Mitte Februar ein Brief von Helga Bedau erreicht. Diese habe in ihrer Jugend, als sie – „68 war das“ – von Lünen nach Berlin gezogen sei, an der Freien Volksbühne in kleinen Statistinnenrollen, etwa der Rosalinde in „Romeo und Julia“, ein wenig Theaterluft geschnuppert. Und nun die Diagnose: Bauchspeicheldrüsenkrebs, inoperabel, Lebenserwartung, falls die Chemotherapie anschlägt, knappe zwei Jahre. Ihr Herzenswunsch wäre es eben, noch einmal Theater zu spielen.

          Gewöhnlich, sagt Lardi, werfe sie solche Briefe weg. Aber hier habe sie der schlichte und offene Stil in den Bann geschlagen. So habe die Zusammenarbeit, die zu „Everywoman“ führte, begonnen. Wie in Milo Raus Produktionen durchaus nicht unüblich, stehen neben einem Klavier (und zwei Riesensteinblöcken aus Pappmaché) noch etliche Umzugskartons auf der sonst leeren Bühne herum, aus deren einem Lardi wichtige Requisiten, Erinnerungsstücke Helgas wie Bilder, Dokumente (etwa der Diagnosebrief) oder auch den vergilbten Programmzettel von „Romeo und Julia“ herauskramt.

          Mal, um daraus vorzulesen, mal, um sie einfach dem Publikum zu zeigen. Was wie ein Monolog beginnt, entwickelt sich zu einem Dialog, mehr noch, zu einem Gespräch. Denn auf der Leinwand im Hintergrund – die darf bei Milo Rau auch nie fehlen – wird eine Szene aufgebaut. In diesem Film an einer Festtagstafel, dem Bankett aus dem „Jedermann“ nachgestellt, sitzen einige Leute und speisen, mittendrin Helga Bedau. Es heißt, sie verkörpere hier Jedermanns Mutter, aber dieser Ansatz verliert sich bald. Auch ist eine der gewiss nicht zufälligen Assoziationen Leonardo da Vincis Relief vom Letzten Abendmahl, Bedau im Zentrum, wo bei da Vinci Jesus sitzt.

          Ob hier irgendwer an Gott glaubt ist egal

          Penibel abgestimmt, kommen Lardi und Bedau(s Projektion) immer wieder ins Gespräch, reden über Erinnerungen, die Familie – ja, auch Lardi gibt so manches aus ihrem Leben preis – und, so ist es gedacht, über das Sterben und den Tod. Sie hadern ein bisschen mit Gott, lassen ihn aber im Übrigen einen guten Mann sein. Ob irgendwer in dieser Produktion an ihn glaubt? Das wird nicht deutlich, ist aber letztlich egal.

          Dann wieder schauen wir der älteren Dame beim Träumen zu, während Ursina Lardi dem Publikum diese Träume schildert oder mit dem Publikum spricht. Stets in neutralem, angenehmem Tonfall, nie sentimental, selbst wenn das Geschilderte Emotionen zu wecken vermag. Zwei-, dreimal ruft sie ein „Hallo!“ in den Raum, und fast möchte man als Echo antworten. Aber niemand wagt das am Premierenabend. Sie lässt auch an ihren (und Raus) Gedanken zum Theater an sich teilhaben. Handlung? Geschichte? Figuren? Katharsis gar? „Worum geht es heute Abend?“

          Vielleicht wundert man sich noch über die Wasserlachen auf der Bühne, aber auch deren Herkunft erklärt sich, als Lardi einen Musikwunsch (noch nicht Bach) der Video-Bedau erfüllt und zur Kassette – stimmt, ein Kassettenrekorder steht da ja auch herum, aus dem zu Beginn fast unendliches Kirchenglockengeläute erklingt – die Berieselungsanlage aufdreht. Das übrigens ergibt eines der schönsten Bilder in dieser sonst an Hinguckern spärlich gehaltenen Inszenierung: Die Videoprojektion zaubert auf die Regenwand ein kleines Negativ von Helga Bedau, die vor der Kamera, nun allein auf einem Sessel im schwarzen Raum sitzend, langsam weiter in die Ferne rückt, das Regenbild dabei einem Geisterbild immer ähnlicher. Kaum eine beruhigendere Vorstellung von Tod ist denkbar.

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