https://www.faz.net/-gqz-8nlv0

„Eugen Onegin“ in Frankfurt : Aufrichtigkeit kann so gefährlich sein

Ein postsowjetisches Stadtteilfest an der Frankfurter Oper: Sara Jakubiak (rechts) fühlt sich in der Rolle der Tatjana als Außenseiterin. Bild: Barbara Aumüller

Aber man hört: Fürst Gremin liebt Tatjana wirklich. An der Oper Frankfurt trägt der Dirigent Sebastian Weigle die Sänger gleichsam auf Händen durch Peter Tschaikowskys „Eugen Onegin“.

          Als Peter Tschaikowskys Oper „Eugen Onegin“ 1879, entsprechend dem Wunsch des Komponisten, in Moskau von Studenten des Konservatoriums uraufgeführt wurde, hatte sie, zumal die Darsteller in Alltagskleidung auf der Bühne standen, nur mäßigen Erfolg. Heute wirkt das Drama von der Ungleichzeitigkeit der Gefühle, dem der Komponist die Gattungsbezeichnung „lyrische Szenen“ beigegeben hat, durch seine lose Konversationsstruktur gerade zeitgemäß. An der Oper Frankfurt ist jetzt eine besonders schöne Produktion der Geschichte von Liebesprojektion und Liebesverzicht nach dem gleichnamigen Versroman von Alexander Puschkin zu erleben, in welcher der Generalmusikdirektor Sebastian Weigle die Sänger bei jeder Phrase trägt, jeden ihrer Register- und Tempowechsel orchestersprachlich motiviert und selbst noch aus einzelnen Intonationsproblemen Ausdrucksstärke zu gewinnen weiß.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Die Regisseurin Dorothea Kirschbaum, die das Konzept des erkrankten Jim Lucassen zu Ende führte, versetzt das Geschehen ins Ost-Berlin der Wendezeit. Die Bühnenbildnerin Katja Hass hat eine sowjetische Mosaikwand mit Kolchosbauern und Kosmonauten auf die Drehbühne gestellt und beschwört so das legendäre Café Moskau an der Karl-Marx-Allee. Das nostalgische DDR-Idyll ersetzt das russische Landgut mit den Leibeigenen, Gutsherrin Larina, agil gesungen von Barbara Zechmeister, ist die Chefin des Kulturhauses, in dessen Küche der famose Chor schüchterne Sehnsuchtsliedchen trällert und dazu im Akkord Brotteig knetet.

          Wie ein tadelloser Gentleman

          In dieses heile Früher bricht der weltgewandte Hauptheld Onegin, dem Daniel Schmutzhard seinen eleganten, leichten Bariton leiht, ein. Stets in existentielles Schwarz, gern auch mit Sonnenbrille, gekleidet, erinnert er zugleich an einen arroganten Wessi wie an einen zynischen Russen. Die introvertierte Tatjana wird verkörpert von der äußerlich wie stimmlich eher herben als lyrischen Sopranistin Sara Jakubiak; Judita Nagyová gibt mit ihrem geschmeidigen Mezzosopran deren sorglose Schwester Olga. Unter Weigle, der genau zu verstehen scheint, was jedes Einzelinstrument sagen will, entwickelt Jakubiak ihre Partie zur zwingenden Charakterstudie.

          Aber wie viel sagt es allein schon, dass diese Figur, ausgerechnet nachdem Schmutzhards Onegin in lässigstem Rezitativstil über seinen todkranken Onkel hergezogen ist, zu ihrer dramatischen Briefszene ansetzt. Die sich immer neu aufschwingende und wieder abreißende Melodiekurve ihres Gefühls, die Kämpfe mit sich, verliebte Fiebervisionen werden von den Violinen, Klarinetten, Flöten und vor allen den Hörnern so beredt untermalt, das Tempo zieht so subtil an, um wieder einzuhalten, dass sich musikalisch tatsächlich ein großer Innenraum öffnet. Und Onegin, der ihr ebenfalls seine - müde - Seele öffnet, sie seiner Zuneigung versichert, aber auch freundschaftlich warnt, dass Aufrichtigkeit gefährlich sein kann, verhält sich wie ein tadelloser Gentleman. Nagyovás samtig singende Olga hingegen scheint zu jedem Flirt bereit, sie umschlingt ihren Verlobten Lenski, den zu Recht bejubelten Tenor Mario Chang, amüsiert sich aber auch gern mit Onegin. Dass Changs Lenski das männliche Gegenstück zu Tatjana darstellt, unterstreicht die Regie, indem sie beide mit einer Schriftenmappe ihrer gesammelten Projektionen ausstattet. Aber wie großartig und rührend ist seine auf einem Irrtum beruhende Dichterliebe; sein „Ich liebe Sie“ intoniert Chang mit lichter Lyrik, die auch im Piano glüht und durch das ihn volltönend umfangende Orchester stets hindurchstrahlt.

          Weitere Themen

          Welterbe – von Bulldozern zertrümmert

          Usbekistans Denkmäler : Welterbe – von Bulldozern zertrümmert

          Das sich modernisierende Usbekistan zerstört seine Denkmäler und ersetzt sie durch Imitate. Man hofft auf Touristen, und die sollen nur vorzeigbare Gebäude sehen. Jetzt regt sich Widerstand. Ein Gastbeitrag.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.