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Erwin Piscator in Russland : Der tragischste Regisseur des 20. Jahrhunderts

  • -Aktualisiert am

Als er noch träumte: Piscator mit Vera Janukova und anderen Schauspielern von „Aufstand der Fischer“ während einer Krim-Reise 1934 Bild: Akademie der Künste Berlin

Als er in die Sowjetunion ging, hatte er die Illusion eines Ensembles mit namhaften deutschen Schauspielern. Warum brachte der Theaterrevolutionär Erwin Piscator dann keine einzige Inszenierung zustande? Eine Spurensuche.

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          Als sich der große deutsche Regisseur des proletarischen epischen Theaters Erwin Piscator (1893–1966), Autor von „Hoppla, wir leben!“, „Rasputin“ und „Schwejk“, Anfang der dreißiger Jahre in die Sowjetunion begab, hatte er die Illusion, in Russland ein Theaterensemble mit namhaften deutschen Schauspielern bilden zu können. Drei Jahre später kamen die Braunhemden an die Macht, die Stars verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen und gerieten in teils unversöhnliche Lager. Alle anderen Illusionen begrub Stalin.

          Achtzig Jahre nach Erwin Piscators Abreise aus Moskau stehe ich vor der Tür seiner Wohnung in der Nowoslobodskaja Straße 67. Es war das Liebesnest des Regisseurs und der russischen Schauspielerin Vera Janukova. Gleich in der Nähe befand sich die Butyrka, auch damals eines der berüchtigtsten Moskauer Gefängnisse. In dem alten Haus ist nichts mehr zu finden außer einem leeren Balkon, auf dem Piscator seine Geliebte fotografierte. Piscator hinterließ zwei Koffer mit Manuskripten, Liebesbriefen und Kleinkram. Sie wurden nun endlich auf der Datscha von Veras Enkelin gefunden, heil, aber leer. Den Inhalt beschlagnahmte bereits in den dreißiger Jahren die Geheimpolizei nach einer Haussuchung. Im Sommer 1936 mussten sich Piscator und Vera trennen. Piscator kehrte wegen akuter Verhaftungsgefahr nicht nach Moskau zurück. Vera starb drei Jahre später an Krebs und an Sehnsucht.

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