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„SWR-Orchestra Stuttgart“ : Fusionsdirigent

  • -Aktualisiert am

Unter Protest: Peter Eötvös im Frühjahr 2009 im Orchester-Proberaum der Oper Frankfurt. Bild: Frank Röth

Ein undankbarer Job, vor allem, wenn man selbst dagegen protestiert: Zwei Orchester werden zu einem zusammen geschlossen und brauchen einen Dirigenten. Wer geht also vor dem „SWR-Orchestra Stuttgart“ in Stellung?

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          Es wird ein Donnerstag sein. Thor, der Donnerer, soll den Hammer schwingen an diesem 22. September 2016 in Stuttgart, über der Liederhalle, und dreinschlagen in das versammelte Sodom aus Mutwillen, Ahnungslosigkeit, Fehlkalkulation, Duckmäuserei, Liebedienerei, Karrierismus, Opportunismus und was sonst noch alles nötig gewesen war an öffentlich-rechtlicher Planungskompetenz, um diesen Tag möglich zu machen, an dem die Funktionäre des Südwestrundfunks, Peter Boudgoust, Johannes Bultmann, in der ersten Reihe sitzen werden.

          Zwei große Traditionsorchester sind bis dahin zerschlagen worden. Aus den Resten hat man ein neues Riesenorchester gefügt. An diesem Zukunftsdonnerstag wird das „SWR-Orchestra Stuttgart“ - so heißt das Retortenkind, schön international - erstmals öffentlich auftreten. Seit ein paar Monaten steht der Termin mit Feuerschrift eingetragen im Kalender, wir haben auch schon hin und her überlegt, was tun. Hinfahren? Wegbleiben? Mitfeiern? Mitdemonstrieren? Was wird gespielt? Wer dirigiert? Bis eben gerade stand da noch: „N. N.“. Stillschweigen hatte SWR-Fusionsmanager Bultmann verhängt über diese Personalie, nicht mal die Musiker der beiden in Auflösung begriffenen Klangkörper wissen, wer mit ihnen, sollten sie noch dabei sein, arbeiten wird.

          Unter den Dirigenten von Rang gibt es keinen, der sich nicht vehement gegen diese Orchesterfusion, die weltweit Proteste auslöste, ausgesprochen hätte, erst recht niemanden, dem man zutraute, dass er sich für diesen Job hergäbe. Gewiss kann es seinen Reiz haben, mit einem Klangkörper vom Reißbrett bei null anzufangen und etwas Neues zu gestalten; aber bis so ein „Superorchester“ (Boudgoust), auch wenn es im Kern immer noch aus den bewährten Stuttgarter Kollegen bestehen mag, international konkurrenzfähig klingen kann, braucht es Zeit. Mit einem Null-Konzert, zum nullten Geburtstag, ist allenfalls Staat zu machen, Freunde macht man sich damit nicht.

          Und wer will das schon? Jetzt ist es heraus: Peter Eötvös will. Er hat die Geheimniskrämerei beendet, die Deckung verlassen, auf seiner Homepage gibt er bekannt: Er werde das Fusionsorchester am Stichtag dirigieren, mit folgendem Programm: Mahlers Adagio aus der Zehnten, die „Daphnis & Chloé“-Suite von Ravel sowie sein eigenes „DoReMi“-Konzert. Eötvös tritt also gleich doppelt auf, als Dirigent und als Komponist. Das ist konsequent insofern, als er gestern noch doppelt protestiert hatte gegen die Fusion. Sowohl das Manifest der Dirigenten wie das Manifest der Komponisten trägt seine Unterschrift, man kann jetzt zuschauen, wie sie verblasst. Nur auf Schönberg sollte sich Eötvös besser nicht berufen. Als der einmal gefragt wurde, ob er wohl jener Berüchtigte sei, antwortete er: „Einer hat’s sein müssen, keiner hat’s sein wollen; da hab’ ich mich halt dazu hergegeben.“

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