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Erstaufführung von „Birdland“ : Das totale Tier an der Luftgitarre

  • -Aktualisiert am

Ein selbstzerstörerischer Narzisst: David Müller (links) gibt den Bandleader, „Superstar“ Paul, hier mit Klaus Rodewald. Bild: Hans Jörg Michel

Ein Rockstar macht den Baal: Burkhard C. Kosminski inszeniert am Mannheimer Nationaltheater das neue Stück von Simon Stephens und greift dabei heftig in die Saiten.

          Bevor er mit Stücken wie „Motortown“ oder „Pornographie“ zu einem Superstar des neuen britischen Dramas aufstieg (und die Familie ihn als Vater forderte), spielte Simon Stephens über zehn Jahre lang den Bass bei den Country Teasers, einer Arthouse-Punkband. Er weiß also, was von Rockstars erwartet wird: totale Verausgabung, zertrümmerte Hotelsuiten, Drogen, Sex und Selfies. Allerdings: Die Country Teasers spielten vor siebzig Fans in verräucherten Clubs, Paul, der Superstar aus „Birdland“, vor 70.000 Menschen in Moskau, Berlin und Paris. Seine fünfzehnmonatige Welttournee geht langsam zu Ende, aber Paul weiß schon lange nicht mehr, wo und wer er ist. Ein Kotzbrocken war er jedenfalls schon immer, arrogant, launisch, emotional verroht, aber jetzt werden seine Wünsche immer extravaganter: ein Bio-Pfirsich aufs Zimmer, sofort, Koks, vom Manager direkt ins Auge geträufelt. Für die Menschen um ihn herum hat der Aufsteiger auf der Überholspur des Lebens nur noch Verachtung übrig, und es ist ihm egal, ob es reiche Schnösel in der Pariser Veuve-Clicquot-Lounge, kichernde Groupies oder unterwürfige Interviewer sind.

          Paul ist ein Star aus der Ära vor Youtube und DSDS, ein alter Rocker, der sich nicht um Imagepflege, Klicks und Likes kümmert. Dafür hat er seinen Manager, und das Geschäft brummt auch so. Im Stück lässt er andere für sich singen und greift höchstens ab und zu in die Saiten einer Luftgitarre. Paul ist nicht in erster Linie Musiker. Er ist der Junge aus der Unterschicht, der zu schnell zu viel Geld, Ruhm und Macht abbekommen hat, ein Vertreter jener Eliten, die schwitzende Authentizität und Ehrlichkeit verkaufen, aber den Kontakt zu ihrer Herkunft verloren haben.

          Der Pop-Nero schlägt seine Leier, bis die Welt um ihn herum und sein eigenes Standbild in Stücke fallen. Als Marnie, die Freundin seines Gitarristen, nach einem One-Night-Stand vom Hoteldach springt, weil er sie zu verraten droht, wird es einsam um Paul. Jenny, das russische Zimmermädchen, das Paul seiner Entourage einverleibte, lässt sich nicht mehr mit Shoppingexzessen aus- und hinhalten. Selbst sein Vater, ein armseliger Loser mit dem zerrupften Strohhut einer Vogelscheuche, flieht wie ein schüchterner Autogrammjäger aus dem Backstagebereich. Als dann auch noch die Plattenfirma Schulden einzutreiben beginnt und zwei Polizisten Paul wegen Sex mit Minderjährigen in die Mangel nehmen, fühlt sich selbst der Manager stark genug, Rache für alle Demütigungen zu nehmen.

          Eigentlich will er nur Daddy gefallen

          „Birdland“, nach einem Song von Patti Smith, ist eine düstere Ballade über den tiefen Fall eines Superstars, in Brit-Pop-Manier sozial aufgerauht und fast naturalistisch als Szenenreigen erzählt. Das Thema ist nicht neu; allein über den Tod von Kurt Cobain gibt es mindestens ein Dutzend ähnlicher Theaterstücke und Filme. Stephens erzählt seine Geschichte nach dem Muster von Filmen wie „Cocksucker Blues“ und Brechts „Baal“: Paul ist das anarchische, asoziale „totale Tier“, das eine asoziale Gesellschaft entlarvt, der faustische Künstler, der einen Teufelspakt und etliche Gretchen auf dem Gewissen hat. Vor allem aber ist der Pop-Psychopath, auch das ist wenig originell, im Grunde ein netter Kerl. Eigentlich will er nur Daddy gefallen, vor seinen Freunden angeben, Spaß mit Mädchen haben, kurz: Anerkennung und Liebe kaufen.

          Für die deutsche Erstaufführung von „Birdland“ bietet Burkhard C. Kosminski in Mannheim eine Panorama-Inszenierung mit nicht weniger als siebzehn Akteuren - fast das komplette Ensemble des Nationaltheaters. Die Bühne ist eigentlich viel zu groß für ein kleines Psychogramm, auch wenn immer wieder die Meute von Pauls Sklaven und Speichelleckern aufmarschiert und die tote Marnie als stummer Vorwurf herumspukt.

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          Florian Ettis Bühnenbild konterkariert die Musiker-Tragödie mit lustig animierten Kinderzeichnungen, stilvollen Schwarzweißfotografien und Schattenrissen an den weißen Wänden. Katharina Hauter überzeugt als Zimmermädchen, Sven Prietz und Sabine Fürst machen aus den Champagner-Sponsoren eine hübsche Satire, und auch David Müllers Paul arbeitet sich in seine Rolle als selbstzerstörerischer Narzisst hinein. Der hektisch zappelnde Junge mit dem Ibrahimovic-Dutt und dem Hipsterbärchen hat nicht das Charisma eines Keith Richards oder Lou Reed. Müllers Paul ist keine Rampensau, er ist ein hyperaktives Kind mit verrutschten Posen und hängenden Schultern, das sich für unsterblich hält und trotzig alle wegstößt, die ihm im Weg stehen.

          „Birdland“ ist nicht gerade Stephens Meisterwerk. Er lässt kaum ein Rockstar-Klischee aus und erklärt am Ende viel zu viel. Aber der fünfundvierzigjährige Brite hat immer noch ein Gespür für melodramatische Effekte, soziale Reflexe und die Balance von langsamen und schnellen, sentimentalen und harten Szenen. Kosminski entfernt sich mit dezenten Stilisierungen und fließenden Übergängen gerade so weit von seinem sonst eher nüchternen, realistischen Regiestil, dass das Publikum am Ende freundlich Beifall spendet.

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