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Schillers „Räuber“ in Köln : Musterknaben der Extreme

Schöne Leiche im fünften Akt: Der Herr Franz ist in den Kölner „Räubern“ eine Dame (Sophia Burtscher, vorn). Bild: Birgit Hupfeld

Gender Trouble: Ersan Mondtag inszeniert in Köln Schillers „Räuber“. Die männlichen Figuren werden mit Frauen besetzt und tragen Kleider. Was macht das mit dem Stück?

          Der alte Graf von Moor hat keine Söhne mehr. Ersan Mondtag hat sie ihm geraubt. Die Rollen von Karl und Franz Moor hat Mondtag in seiner Inszenierung von Schillers „Räubern“ am Schauspiel Köln mit Frauen besetzt. Lola Klamroth und Sophia Burtscher tragen auch Frauenkleider, obwohl die Figuren ihre Männernamen behalten haben. Hat es der Regisseur auf die Entgiftung von Handlungskonzepten toxischer Männlichkeit abgesehen? Die ohrenbetäubend scheppernde Apparatur der Dauerreden, welche die beiden Musterknaben komplementärer moralischer Extremismen bei Schiller schwingen müssen, bekommt durch die Geschlechtsumwandlung auf einen Schlag etwas Anmutiges, beinahe Natürliches.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Der Nihilismus von Franz Moor, der die Ungnade der späten Geburt des Zweitgeborenen mit dem Rekurs auf das Recht des Stärkeren nach der Geheimlehre der gottlosen Aufklärung aushebelt, klingt in Sophia Burtschers elegantem Vortrag nach der Regel für eine Partie Solitaire. Karl, durch die List des Bruders dem Vater entfremdet, sucht notgedrungen sein Heil in der Gesellschaft, der republikanischen Gegengesellschaft eines Bundes von Outlaws. Hier steht der Gesellschaftsvertrag der Räuberbande unter dem Vorbehalt, dass dem gewählten Chef die Befehle nicht ohne Stocken über die Lippen kommen. Lola Klamroths Karl ist ein Bündel von Hemmungen. Die Apologie des Notrechts klingt wie aufgesagt und gerade deshalb authentisch, in Herzensnot gegründet. Der Hauptmann bleibt Nebenmann, steht daneben, wenn seine Männer die Freuden des freien Räuberberufs preisen, von denen Spießer mit Premierenabonnement nichts wissen können.

          Kosmotheologischer Grüßaugust in der Pose von Kim Il-sung

          Das weibliche Moment, das Mondtag an den Charakteren der Brüder herauspräpariert, ist eine Art Selbstschutzmechanismus: Bei Frauen ist das Agieren von vornherein ein Reagieren, weil sie in ein Ohnmachtgefälle nicht hineingeboren, aber hineingestellt werden. Amalia, das adlige Waisenmädchen, die Siegesbeute im Bruderkrieg, Verkörperung der Unmittelbarkeit, des Glaubens an die reine Liebe, kann dann nur von einem Mann gespielt werden. Jonas Grundner-Culemanns Edelfräulein bleibt ganz und gar unaffektiert, auch als Amalia am Ende Kniebundhose, Samtjacke und alles darunter mit Ausnahme des Mikroport-Kabels abstreifen muss.

          Der Effekt des Geschlechtertauschs hat nichts Schrilles. Von der karnevalistischen Prämisse, dass man sich jederzeit das Kostüm vom Leib reißen könne, um die Triebnatur des alten Adam freizulegen, ist Mondtags Versuchsanordnung himmelweit entfernt. Eine Person, die sich in den Kopf gesetzt hat, auf den Richtigen zu warten, ist keine Lachnummer. Komisch ist an diesem Ich-Ideal nur die psychotechnische Methodik, das Antrainierte und Einstudierte.

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