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Rheingau Musik Festival : Hüter, ist die Nacht bald hin?

Der neue Chef des hr-Sinfonie­orchesters: Alain Altinoglu bei der Eröffnung des Rheingau Musik Festivals in Kloster Eberbach. Bild: Ilkay Karakurt

Zum ersten Mal wieder große Chorsinfonik in der Basilika von Kloster Eberbach: Der MDR-Rundfunkchor und das hr-Sinfonieorchester sorgen für einen klangmächtigen Auftakt mit Mendelssohn.

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          Dass die Fanfare, die beim Rheingau Musik Festival im Kloster Eberbach seit vielen Jahren immer als Lautsprecher-Signal zum Konzertbeginn und Pausenende ertönt, nun ebendort in der Basilika zur Eröffnung des Festivals live in Originalgestalt erklang, hatte einen gewissen Symbolwert. Denn die Melodie, die Mendelssohn wie ein Signum an den Anfang seiner halb als Kantate angelegten Sinfonie Nr. 2 B-Dur („Lobgesang“) stellt und auf die der Chor später die Psalmverse „Alles was Odem hat, lobe den Herrn“ singt, verbindet sich mit Freude, Hoffnung, Gotteslob und dem romantisch-kunstreligiösen Glauben an die ureigene Kraft der Musik.

          Guido Holze
          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Die vermittelte sich nun zum Auftakt in der längst profan gewordenen Klosterkirche, die als „Ein feste Burg“ Mendelssohns Gedankenwelt mit passend romanischer Wucht und verstärkendem Nachhall umfasste, mit dem MDR-Rundfunkchor und dem hr-Sinfonieorchester unter der Leitung seines Chefdirigenten Alain Altinoglu so emotional wie sinnstiftend. Dass der Weg in Mendelssohns Sinfonie-Kantate durchs Dunkel zum Licht führt, fügte sich ebenso ins Bild, wie der Gründungsintendant Michael Herrmann zur Begrüßung bemerkte. Die Hilfsprogramme des Landes Hessen hätten dem Festival „das Leben gerettet“, sagte er mit Dank an den vor kurzem aus dem Amt geschiedenen Ministerpräsidenten Volker Bouffier, der wie sein Vorgänger Roland Koch quasi qua Amt als Schirmherr über das privat finanzierte Festival wachte. Nun hat er diese Aufgabe an seinen Nachfolger Boris Rhein weitergegeben. Die Kartenkäufer, die 2020 nach der kompletten Absage des Festivals auf Rückerstattungen verzichteten, die Sponsoren, die Geld zahlten ohne ein Konzert dafür zu bekommen und die Mitglieder des Fördervereins hätten ebenso das Fortbestehen des Festivals gesichert. So konnte es im Vorjahr schon wieder in großem Umfang, aber unter Corona-Auflagen stattfinden.

          Ein so starkes Musikerlebnis braucht Nähe

          Nun erstmals wieder in Vollbesetzung ohne Abstände ein so klangmächtiges chorsinfonisches Werk zu erleben, die Schalldruckwellen beim ersten Choreinsatz auf der Gänsehaut und im Idealfall auch die geistige Beteiligung der Sitznachbarn zu spüren, hatte schon etwas Erhebendes. Es machte deutlich, was man in den vergangenen zwei Jahre vermisst hat: Ein so starkes Musikerlebnis braucht Nähe. Das gilt aus musikalischen wie atmosphärischen Gründen für die Ausführenden wie für das Publikum.

          Die Spielstätte des Eröffnungskonzerts: Kloster Eberbach.
          Die Spielstätte des Eröffnungskonzerts: Kloster Eberbach. : Bild: Ilkay Karakurt

          Alain Altinoglu, der seit dieser Saison Chefdirigent des hr-Sinfonieorchesters ist und schon einige, aber noch nicht so große Gelegenheiten hatte, sich als solcher vorzustellen, gab den geistigen Fahrplan dazu direkt aus. Der 46 Jahre alte Franzose armenischer Abstammung, der sich im neuen Amt als stilistisch äußert gewandt zeigt und noch mehr emotionale Energie einbringt als sein Vorgänger Andrés Orozco-Estrada, nahm das besagte Kernmotiv gleich auffallend zügig, einfach im Ausdruck und so zunächst geradezu antipathetisch. Wie schon im Sinfonie-Teil Choralthemen durchscheinen, aber je nach Kontext unterschiedliche Charaktere annehmen, hob er es mit wechselnden Phrasierungen markant hervor. So entstand das im besten Sinne typisch deutsche Klanggebäude, wie es Mendelssohn in der Tradition von Bach und Händel mit architektonischer Meisterschaft und Pracht errichtet.

          Das Durchschreiten der Nacht mit der vielfach wiederholten bangen Frage des im Oratorienfach geübten und klar artikulierenden Tenor Matthew Swensen „Hüter, ist die Nach bald hin?“, geriet gerade in der Reduktion eindringlich, die Verbindung mit dem lautstarken Chorjubel und dem romantischen Sentiment des A-cappella-Chorals „Nun danket alle Gott“ einleuchtend. Die finale Rückkehr zum Fanfarenmotiv mit vereinten Kräften, zu denen als Solistinnen Katharina Konradi und Miriam Albano stimmig zählten, musste danach so rückhaltlos sein wie sie war.

          Verheißungsvoller Auftakt

          Vorangegangen war in gleichermaßen geschickter dramaturgischer Führung die Sinfonische Dichtung „Das goldene Spinnrad“ von Antonín Dvořák. Der sich nach dem Märchen um das böhmische Aschenputtel Dornička rankende Streit zwischen Gut und Böse bekam mit den Naturbildern, den heroischen und dunkel-arglistigen Klängen denkbar viel Plastizität. Wenn sich das hr-Sinfonieorchester unter Altinoglu so weiterentwickelt, ist viel zu erwarten.

          Unter den geladenen Gästen: der frühere hessische Ministerpräsident Volker Bouffier.
          Unter den geladenen Gästen: der frühere hessische Ministerpräsident Volker Bouffier. : Bild: Ilkay Karakurt

          Für das Festival, das nun noch bis zum 3. September mehr als 130 Konzerte an 25 Spielstätten im Rheingau und in benachbarten Regionen bietet, war das ein verheißungsvoller und auch insofern passender Auftakt, als es in diesem Sommer einen besonderen Schwerpunkt auf Chormusik setzt. Insbesondere richtet sich ein Fokus auf Knabenchöre. Fast alles, was in Deutschland Rang und Namen hat, ist zu Gast. In kurzer Folge treten im Juli nacheinander der Thomanerchor Leipzig, der Dresdner Kreuzchor, der Windsbacher Knabenchor und die Regensburger Domspatzen auf. Die Windsbacher leisten zudem mit „Elias“ einen gewichtigen Beitrag zum Mendelssohn-Schwerpunkt. „Paulus“, das andere große Oratorium des vor 175 Jahren gestorbenen Komponisten, ist mit der Audi Jugendchorakademie und eigenartigerweise mit der Akademie für Alte Musik Berlin zu hören.

          Eine der drei Hauptspielstätten des Festivals ist neben dem Kloster Eberbach und dem Kurhaus Wiesbaden wieder Schloss Johannisberg, wo auch in diesem Jahr noch einmal der im Vorjahr in Windeseile neu gebaute Fürst von Metternich-Konzertkubus im Cuvéehof vor allem für Kammerkonzerte genutzt wird. Der in mobiler Bauweise vor allem aus Stahl und Holz errichtete Saal, der mit insgesamt 1000 Plätzen für Kammermusik schon ziemlich groß ist, sich aber als akustisch geeignet erwies, war für nur eine Million Euro samt spezieller Lüftungsanlage entstanden für Konzerte mit halber Belegung unter Corona-Bedingungen. Da viele Besucher zudem das kurze Konzertformat ohne Pause mit frühem Beginn und Ende gut fanden, setzt das Festival das in dieser Weise fort. Der Rheingau lockt schließlich auch die Gastronomie und Weinfreunde: Sie kommen so zeitig ins Restaurant.

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