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Eröffnung der Ruhrtriennale : In der Masse ist der Mensch ein Angsthase

  • -Aktualisiert am

Brigitte Christensen als Königin Alceste und Thomas Walker als König Admeto am 9. August bei Probeln zu Glucks „Alceste“ in der Bochumer Jahrhunderthalle Bild: dpa

Pathos und Zerstreuung: Die zweite Ruhrtriennale unter der Leitung von Johan Simons eröffnet mit einer Frage von Carolin Emcke und einer Antwort von Christoph Willibald Gluck.

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          Auf dem Titelblatt des Programms zur Eröffnungspremiere wird in edel verschnörkelten Lettern alles mitgeteilt, was man wissen muss. Nicht Komponist, nicht der Titel des Stücks, nicht Datum, Zeit oder Ort, keine überflüssigen Informationen. Nur das Wesentliche: „FREI + TOD“. Kein Oder, kein Entweder. Nur: Und.

          Eine starke Setzung, die das Ende vorwegnimmt. Regisseur Johan Simons, als Kurator zugleich gesamtverantwortlich für diese seine zweite Ruhrtriennale, ist kein Freund vieler Worte. Einzelworte jedoch, die kategorischen, pointenreifen, finalen, die liebt er. Mit der Gattung Oper geht diese Leidenschaft, anders, als im Schauspiel, nicht allezeit gut zusammen. Denn die Musik lebt vom Wunder der variierten, verzierten Wiederholung, auch Librettoworte werden stets mehrfach da capo gesungen, was auch noch für die Reformopern von Christoph Willibald Gluck gilt, besonders für seine „Alceste“ von 1767, in der mehr als drei Stunden lang viel geredet wird und nichts passiert.

          Was wurde aus den Werten der Aufklärung?

          Etliche dieser Reden sind Selbstgespräche. Das ist just der Reiz und das Neue dieses großartigen Werks: dass die eigentliche Handlung ins Innere der Protagonisten verlegt ist. Ein Kollektiv diskutiert und räsoniert, zaudert und schreckt zurück vor Entscheidungen. Alle miteinander, Chöre, Solisten, Orchester sorgen sich, was passieren könnte, was nicht passieren darf und was furchtbarerweise demnächst passieren wird. Im ersten Akt geht es darum, dass König Admetos sterben könnte. Im zweiten Akt redet man darüber, dass Königin Alceste sterben möchte. Und am Ende sterben, zumindest in der Version von Simons, alle beide: vereint und befreit durch den Tod, ganz im Mozartschen Sinne.

          Bevor aber René Jacobs in der Jahrhunderthalle Bochum beide Hände hebt, um den Einsatz zur von Affekten zerrissenen, höchst beredten Ouvertüre zu heben, redet Carolin Emcke. Sie hält die Eröffnungsrede der Triennale. Spricht über die Qual der Echtzeit-Zeugenschaft, die jeden von uns erwischt, die wir auf allen Kanälen an den tätigen Scheußlichkeiten der Welt, Kriegen, Morden, Töten, live teilnehmen und „zu optischen Komplizen“ gemacht werden. Fragt nach, wann die Werte der Aufklärung, die in edel verschnörkeltem Design als Motto der diesjährigen Triennale vorflattern, „Brüderlichkeit“, „Gleichheit“, vor allem aber „Freiheit“, entkernt und zu toten Worthülsen wurden. Emcke fordert Zivilcourage: Jeder Einzelne müsse sich heute selbst seine eigne, neue Übersetzung dieser Begriffe erarbeiten, sie wieder aus dem Totenreich zurückholen. Nur, wie?

          Riesenhafte Halle mit naturhaften Zügen

          Es dauert nicht lang, da erteilt der Opernchor - es ist der junge, wild-bewegliche MusicaAeterna-Chor, angereist aus Perm - dem Pathos der Emckeschen Rede die erwartbar zerstreute Antwort. Es ist zum Heulen. In der Masse ist der Mensch kein Held, er ist ein Angsthase. Die Bürger aus Pherai, Hauptstadt von Thessalien, aufgerufen, das Orakel zu erfüllen, kneifen. Es lautet: Der König wird weiterleben, wenn ein anderer für ihn stirbt. Jedem Einzelnen aber ist das kleine Glück lieber als die große Verantwortung, sie alle singen, machtvoll und da capo: „Sorgen, Leidenschaften, Ängste und Verdächtigungen sind die Tyrannen der Könige.“ Und gehen ab und nach Hause.

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