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Saisonstart am Wiener Theater : Hochanständige Durchschnittsanstrengung

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Übergroß bedeutet nicht gleich eindrucksvoll: „Kommt ein Pferd in eine Bar“ eröffnete mit zwei weiteren Inszenierungen die Saison des Wiener Burgtheaters. Bild: Bernd Uhlig

In Wien beginnt die Theatersaison mit einer Romanadaption von David Grossman, einer Daniel-Kehlmann-Uraufführung und einem feministisch inspirierten „Kaufmann von Venedig“.

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          Dov schreit und pöbelt, dann erzählt er wieder ordinäre Witze – „schweinisch“ könnte man sie auch nennen, aber das wäre wohl nicht koscher. Die junge Dame, die vernehmlich auf ihrem Mobiltelefon herumtippselt, zwingt er sogar auf die Bühne. Recht geschieht ihr! Aaron möchte eine Art Meuterei anzetteln, hat sich bereits mit Mitreisenden darauf verständigt, spricht schon den Offizier auf der Brücke an. Doch der Kapitän hat ganz andere Pläne. Um einen Seerettungseinsatz zu erzwingen, will er sein Schiff auf eine Sandbank auflaufen lassen.

          Shylock hinwiederum raucht, merkbar nervös, zündet fast schon eine Zigarette an der anderen an. Sie will nur ihr verbrieftes Recht bekommen. Das steht ihr nach den Gesetzen zu. Gnade hat sie selbst nie erfahren, darum will sie auch nichts davon wissen. Fiat iustitia et pereat mundus! Drei kurze Szenen von drei Wiener Theaterabenden – die Spielzeit 2018/19 beginnt in diesem September an den großen Häusern auffallend früh und mit nicht besonders froh stimmenden Stücken. Oder Inszenierungen, wie sich zeigen wird.

          Unfreiwillige Lacher und offensichtliche Diskrepanzen

          Die Koproduktion mit den Salzburger Festspielen „Kommt ein Pferd in die Bar“ nach dem Roman von David Grossman, in Salzburg auf der dortigen kleinen Bühne des „republic“ dem Vernehmen nach unter schweren akustischen Einschränkungen uraufgeführt, eröffnet den Wiener Reigen im Akademietheater, der kleineren Spielstätte des Burgtheaters. Dušan David Parízek, seit einiger Zeit Darling vieler Bühnen, verzichtet in seiner Inszenierung diesmal auf den Einsatz seines Overheadprojektors, nicht aber auf eine Videokamera. Von den beiden Protagonisten des Abends – Samuel Finzi als abgehalfterter Stand-up-Comedian Dov „Dovele“ Grinstein und Mavie Hörbiger als Grinsteins Nachbarin aus Jugendtagen, genannt „Pitz“ – wird diese oft und gnadenlos, hautnah, auch mit eindringlichen Standbildern, in Anschlag gebracht.

          Mavie Hörbiger hat dabei die undankbarere Rolle bekommen: Pitz als Alleinvertreterin der im Roman zahlreicher auftretenden Freunde des Ekels Grinstein. Wodurch es zur seltsamen Unlogik kommt, dass ebenjene Pitz höchstens halb so alt wie Dovele wirkt – der feiert an diesem Abend nicht nur seinen siebenundfünfzigsten Geburtstag, sondern auch seinen endgültigen Abschied von der Bühne - , sich aber an gemeinsame Zeiten, als beide noch Halbwüchsige waren, sie gerade einmal fünf Jahre jünger als er, erinnern muss.

          Das ist freilich nur ein Nebenaspekt. Schwerer wiegt an diesem Abend, dass er, trotz der bereits von der Salzburger Aufführung abweichenden Kürzung, immer noch viel zu lang, zu gewunden, in zu vielen persönlichen Erinnerungen an Doveles Vater, seine zu früh verstorbene Mutter, Selbst- und Generalbeschimpfungen ausufert. Samuel Finzi macht das großartig, schwitzt seine Anstrengung förmlich heraus, entblößt fast mehr als Doveles Innerstes. Aber so kann das nicht gutgehen, das ist sichtbar nervenaufreibend für ihn, und das Publikum wird immer wieder zum Lachen an den unpassendsten Stellen animiert. Ob aus Verlegenheit oder Unverständnis durch Überforderung, das versteht offenbar auch die Regie nicht, hätte doch eine weitere Straffung noch einiges retten können.

          Hochaktuelle Thematik schützt vor mangelnder Inszenierung nicht

          Der Irrfahrt der „St. Louis“ im Mai und Juni 1939, eines Passagierdampfers der hamburgischen Hapag von rund 16.700 Bruttoregistertonnen, mit über 930 Passagieren, fast ausnahmslos nach den verbrecherischen „Nürnberger Rassengesetzen“ als Juden geltend und als solche vor der amtlich genehmigten Abfahrt noch um den Großteil des jeweiligen meist ohnehin spärlichen Hab und Gutes gebracht, sind mehrere Bücher, am bekanntesten wohl „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts, und eine auf diesem Band beruhende Verfilmung, „Reise der Verdammten“ aus dem Jahre 1976 (Regie führte Stuart Rosenberg, es war der letzte Film Oskar Werners), gewidmet worden.

          Auch Daniel Kehlmann hat sich dafür interessiert und das Theater in der Josefstadt nun „Die Reise der Verlorenen“ als Uraufführung vom mittlerweile als Josefstadt-Dauergast zu bezeichnenden Janusz Kica in Szene setzen lassen. In einem dunklen Bühnenbild, das mit zahlreichen Rohren und Metallstangen an den Bauch oder Maschinenraum eines Schiffes erinnern soll, trifft eine Vielzahl von Schauspielern aufeinander, die immer wieder Ansprachen ans Publikum halten: „Es ist alles wahr. Aber ich bin schon lange tot.“ Die Schwierigkeiten und Entsetzlichkeiten dieser Reise spulen sie dann in Dialogform ab. Das alte Nazi-Lied „Heute gehört uns Deutschland“ kriegt man dann stundenlang nicht mehr aus dem Kopf.

          Auch wenn sich Kica und sein Ensemble mehr als redlich bemühen – aus diesem schwachen Kehlmann-Text wird kein spannender Abend. Was übrigens Raphael van Bargen, der, man seufzt, wieder einmal den intriganten Nazi, diesmal Schiffssteward Otto Schiendick („Hat’s wirklich gegeben! War echt böse!“), verkörpern muss, gleich am Anfang verrät. Hausherr Direktor Föttinger gibt den anständigen, um seine Passagiere besorgten Kapitän Schröder („Ist danach nie wieder zur See gefahren.“). Bleibt das eindrückliche Schlussbild, das die gesamten Passagiere in orangen Rettungswesten zeigt und naturgemäß auf aktuelle Flüchtlingstragödien anspielt. Eben höchst anständig, leider nicht viel mehr.

          Anständige Stücke begeistern wenig

          Im Volkstheater, auch das hat Tradition, stammt die erste Inszenierung der Saison von Intendantin Anna Badora, die mit einer Interpretation des „Kaufmanns von Venedig“, eher „nach“ als, wie keck auf dem Programmzettel behauptet, „von“ Shakespeare, ihre vorletzte Spielzeit einleitet. Wohl angelehnt an das noch vor kurzem gängige Schlagwort vom Kasino-Kapitalismus und ganz sicher in keinem Zusammenhang mit dem Hauptsponsor der zweitgrößten Wiener Bühne, rollt die Kugel hier in einem von Thilo Reuther entworfenen Spielcasino. Auch das Publikum darf den Einsatz wagen: Und so wird der Darsteller des Shylock, jenes jüdischen Geldverleihers, der seinem christlichen Peiniger Antonio als Pfand für dreitausend Dukaten das Herz aus dem Leib schneiden will und dann um alles gebracht wird, vom Publikum per Ovationslärm bestimmt.

          Am Premierenabend fällt das Los auf Anja Herden, aber angeblich – will man’s glauben? – hätte man auch Rainer Galke oder Sebastian Pass in der eigentlichen Hauptrolle spielen sehen können. Nun, in der auf weniger als zwei Stunden eingedampften Aufführung macht sie recht gute Figur, spielt den Bankier angemessen verbittert, während die übrigen Venezianer entsprechend widerlich agieren, sich nicht zu blöd sein dürfen, pausenlos antisemitische Witze und Sticheleien zu erzählen. Auch das eine hochanständige, noch dazu frauenrechtlich inspirierte Aufführung. Aber mehr leider nicht. Über Shakespeares Original hätte man nicht vor lauter Zustimmungsnicken den Kopf resigniert auf die Brust sinken lassen müssen.

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