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Saisonstart am Wiener Theater : Hochanständige Durchschnittsanstrengung

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Hochaktuelle Thematik schützt vor mangelnder Inszenierung nicht

Der Irrfahrt der „St. Louis“ im Mai und Juni 1939, eines Passagierdampfers der hamburgischen Hapag von rund 16.700 Bruttoregistertonnen, mit über 930 Passagieren, fast ausnahmslos nach den verbrecherischen „Nürnberger Rassengesetzen“ als Juden geltend und als solche vor der amtlich genehmigten Abfahrt noch um den Großteil des jeweiligen meist ohnehin spärlichen Hab und Gutes gebracht, sind mehrere Bücher, am bekanntesten wohl „Voyage of the Damned“ von Gordon Thomas und Max Morgan-Witts, und eine auf diesem Band beruhende Verfilmung, „Reise der Verdammten“ aus dem Jahre 1976 (Regie führte Stuart Rosenberg, es war der letzte Film Oskar Werners), gewidmet worden.

Auch Daniel Kehlmann hat sich dafür interessiert und das Theater in der Josefstadt nun „Die Reise der Verlorenen“ als Uraufführung vom mittlerweile als Josefstadt-Dauergast zu bezeichnenden Janusz Kica in Szene setzen lassen. In einem dunklen Bühnenbild, das mit zahlreichen Rohren und Metallstangen an den Bauch oder Maschinenraum eines Schiffes erinnern soll, trifft eine Vielzahl von Schauspielern aufeinander, die immer wieder Ansprachen ans Publikum halten: „Es ist alles wahr. Aber ich bin schon lange tot.“ Die Schwierigkeiten und Entsetzlichkeiten dieser Reise spulen sie dann in Dialogform ab. Das alte Nazi-Lied „Heute gehört uns Deutschland“ kriegt man dann stundenlang nicht mehr aus dem Kopf.

Auch wenn sich Kica und sein Ensemble mehr als redlich bemühen – aus diesem schwachen Kehlmann-Text wird kein spannender Abend. Was übrigens Raphael van Bargen, der, man seufzt, wieder einmal den intriganten Nazi, diesmal Schiffssteward Otto Schiendick („Hat’s wirklich gegeben! War echt böse!“), verkörpern muss, gleich am Anfang verrät. Hausherr Direktor Föttinger gibt den anständigen, um seine Passagiere besorgten Kapitän Schröder („Ist danach nie wieder zur See gefahren.“). Bleibt das eindrückliche Schlussbild, das die gesamten Passagiere in orangen Rettungswesten zeigt und naturgemäß auf aktuelle Flüchtlingstragödien anspielt. Eben höchst anständig, leider nicht viel mehr.

Anständige Stücke begeistern wenig

Im Volkstheater, auch das hat Tradition, stammt die erste Inszenierung der Saison von Intendantin Anna Badora, die mit einer Interpretation des „Kaufmanns von Venedig“, eher „nach“ als, wie keck auf dem Programmzettel behauptet, „von“ Shakespeare, ihre vorletzte Spielzeit einleitet. Wohl angelehnt an das noch vor kurzem gängige Schlagwort vom Kasino-Kapitalismus und ganz sicher in keinem Zusammenhang mit dem Hauptsponsor der zweitgrößten Wiener Bühne, rollt die Kugel hier in einem von Thilo Reuther entworfenen Spielcasino. Auch das Publikum darf den Einsatz wagen: Und so wird der Darsteller des Shylock, jenes jüdischen Geldverleihers, der seinem christlichen Peiniger Antonio als Pfand für dreitausend Dukaten das Herz aus dem Leib schneiden will und dann um alles gebracht wird, vom Publikum per Ovationslärm bestimmt.

Am Premierenabend fällt das Los auf Anja Herden, aber angeblich – will man’s glauben? – hätte man auch Rainer Galke oder Sebastian Pass in der eigentlichen Hauptrolle spielen sehen können. Nun, in der auf weniger als zwei Stunden eingedampften Aufführung macht sie recht gute Figur, spielt den Bankier angemessen verbittert, während die übrigen Venezianer entsprechend widerlich agieren, sich nicht zu blöd sein dürfen, pausenlos antisemitische Witze und Sticheleien zu erzählen. Auch das eine hochanständige, noch dazu frauenrechtlich inspirierte Aufführung. Aber mehr leider nicht. Über Shakespeares Original hätte man nicht vor lauter Zustimmungsnicken den Kopf resigniert auf die Brust sinken lassen müssen.

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