https://www.faz.net/-gqz-9sgh7

Eröffnung am Residenztheater : Am Ende hat noch jeder jede aufgegeben

Fahrt nach München! „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer Bild: Birgit Hupfeld

Endlich wieder Sprachkunst für die große Bühne: Das Residenztheater in München eröffnet unter neuer Leitung mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“.

          4 Min.

          Wo auch immer triumphierend oder wehmütig das Fehlen zeitgenössischer Dramatik beschworen, der Schwund dialogischer Texte von der Bühne beklagt wird, kann man nun froh entgegnen: Fahrt nach München! Zum Residenztheater. Schaut euch das neue Stück von Ewald Palmetshofer an. Und überlegt euch, ob ihr dann immer noch sagen wollt, es gebe heute keine Dramatiker mehr. Hier beweist einer das Gegenteil. Indem er für die große Bühne schreibt, fürs Ensemble, das damit lustvoll spielen kann vor einem Publikum, das die Erzählung schätzt und Sprachkunst auch in unseren fortgeschrittenen Theatertagen nicht für minderwertig hält.

          Simon Strauß
          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Verlorenen“ heißt das neue Stück von Ewald Palmetshofer, das er für seinen langjährigen Intendanten Andreas Beck – seit dieser Spielzeit Leiter des Münchener Residenztheaters – geschrieben hat. Nach seinem großen Erfolg mit einer aktualisierten Bearbeitung von Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ im letzten Jahr, ist das nun wieder eine eigene Produktion, im unverwechselbaren Palmetshofer-Stil, mit seiner uneigentlichen Diktion und herrlich verkünstelten Satzführung.

          Im dramatischen Brennpunkt steht Clara, eine ewig Verlorene. Ohne Mann und Geld, von ihrem Sohn verachtet und sich selbst verhasst, streift sie durchs Leben als wäre sie der Welt abhandengekommen. Schon in der Schule war sie aus Prinzip die Ausgeschlossene, nur um sich dann mit der Zeit immer mehr „eingeschlossen im am Leben Sein“ zu fühlen. Und ständig abzurutschen, hinzugleiten, umzufallen, wie um zu beweisen, dass es nichts anderes über ihr gibt, keinen Schutz, kein drunten, droben, drüben, nur das hier und jetzt und die Überzeugung: „Uns hält sonst keiner“.

          Auswegslos verloren

          Nach einem Prélude dichter chorischer Beschreibungen steht Clara in einem streng-schlichten weißen Bühnenraum, mit nichts als einem Holzkreuz an der Hinterwand, und verhandelt mit ihrem Ex über ein Aussetzen ihrer Sorgepflicht. Sie will ein paar Wochen in den Wald, ins Haus der Großmutter, ohne Netzempfang und vor allem ohne Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Die neue Frau des alten Mannes gibt vorwurfsvoll Erziehungsratschläge, während das Kind unter der Bettdecke mit dem Gesicht nah am Bildschirm bleibt. Eine Alltagsszene, Entwurf eines gewöhnlichen Lebens, so wie es Millionen führen, ohne zu merken, wie viel Schaden sie dabei nehmen, wie ausweglos sie gerade verloren gehen.

          Das sich verändernde Licht ist der einzige offensive Einfluss, den Nora Schlockers ruhige, sehr feinfühlende Regie auf das Textgeschehen nimmt. Es trennt die verschiedenen Szenen voneinander, gibt den Takt vor für die rhythmisch geformte Sprachpartitur. Dadurch, wie die Worte zueinanderkommen und sich voneinander abstoßen, entsteht eine Spannung, die sich dann kraftvoll auf das Gesagte überträgt. So kann beispielsweise ein Thekengespräch in der Dorftanke zum geheimnisvollen Orakelspruch für eine Gesellschaft von Geschundenen werden.

          Ein Mann, den sie „den alten Wolf“ nennen, erzählt der „Frau mit dem krummen Rücken“ und dem „Mann mit der Trichterbrust“ davon, wie er nachts mit seinem Auto schlaflos durch den Wald gefahren und plötzlich mit einer Hirschkuh zusammengetroffen sei. Schnaubend hätte die sich nicht vom Fleck gerührt, sei stattdessen langsam auf ihn zu spaziert, hätte die Vorderhufe auf die Motorhaube gestellt, den Kopf weit hervorgestreckt und ihren Atem auf die Windschutzscheibe schlagen lassen. Und als er dann zurücksetzen wollte, so der „alte Wolf“, sei die Hirschkuh auf einmal losgaloppiert, als ob „es auf mein Auto aufgeritten ist das Teufelsvieh, als ob’s es ficken wollt“.

          Auf der einsamen Insel

          So wie Steffen Höld die Ereignisse erzählt und Nicola Kirsch und Max Mayer ihm zuhören, gespannt, ungläubig und dann doch wieder zweifelnd, ob nicht vielleicht doch ein größerer Sinn hinter dem Gesagten stecken könnte, im Sinne eines Verschwimmens der gewohnten Unterscheidung zwischen Mensch und Tier, so düster komisch, wie das Erzählte wirkt, hat man das Gefühl, hier würde Sprache zum bilderbildenden Wert. Immer wieder bricht Palmetshofer die sogenannte Wirklichkeit mit Fantasie-Einsprengseln auf: Einhörner spießen dummplappernde Mütter am Rand eines Kinderspielplatzes auf, ein Mann sitzt auf einer einsamen Insel und besitzt die ganze Welt.

          Das Stück ist durchzogen von der alten Wunschvorstellung, dass der Mensch ganz er selbst sei und von der düsteren Vorahnung, dass er viel mehr gefangen sein könnte, „in eine Körperkapsel eingeschlossen“, von hohen Mauern umgeben, die sein Ich vom Du der Anderen trennen: „man kann den Menschen sich durch einen andern Menschen zuführn nicht“, lässt Palmetshofer seine Protagonistin sagen. Aber Clara, so wie Myriam Schröder sie spielt, klagt nicht, sie bäumt sich nicht auf gegen das Schicksal, sondern ist ganz und gar von der Immanenz überzeugt. Ihre Einsamkeit ist unausweichlich und kein Verhandlungsgegenstand mehr, denn „am Ende hat noch jeder jede aufgegeben“.

          Aufgespießt an der weißen Wand

          Palmetshofers Stück funkelt, ist komisch, abgründig, unberechenbar, es hat Sätze von Bernhardschem Grimm und Horváthscher Traurigkeit und Figuren, die, auch, wenn sie nur kurz auftreten, ausdrucksstark gezeichnet sind. So wie Claras Mutter – mit stiller Sorge: Sibylle Canonica – , die nicht verstehen will, warum ihre Tochter „so anders sein“ muss oder Kevin, Claras jugendlicher Liebhaber, den sie in einer Großraumdisko mit Namen „X-perience“ kennenlernt, und der von Johannes Nussbaum unangestrengt verführerisch gespielt wird, aber mit einer Stimme spricht, die sich nach Bedeutung sehnt. „Was werden wir gewesen sein?“, fragt er ins stille Publikum hinein und fährt kurz in die Stadt, um Milch zu holen.

          Der Ex-Mann kommt, mit neuer Frau und verlorenem Sohn im Gepäck, der von der Schule suspendiert ist wegen eines Videos, das ihn bei einer Kindesmisshandlung zeigt. Aber was – als der junge Liebhaber wieder plötzlich in der Tür steht – noch kurz als klassische Beziehungsfinte wirkt, fällt jetzt rasend schnell zum tragischen Ende hin ab. Der Sohn, „entwest“ von seiner Mutter, rangelt mit ihr am Fenster und Clara, die immer schon zum Fallen Neigende, stürzt rücklings hinaus auf einen spitzen Zaunpfahl. Als Schmerzensfrau lässt Schlocker sie am Ende aufgespießt an der weißen Wand hängen, während das Blut langsam nach unten rinnt.

          Der Ausgang ist vielleicht zu konstruiert, zu klassizistisch, es braucht die große Schreckenstat gar nicht, die vielen kleinen Szenen der Zerstörung sind eindrucksvoll genug. Was könnte denn auch beunruhigender auf uns wirken als die einschneidende Frage: „Wer soll das sein, das Ich?“ Mit Palmetshofers Eröffnungsstück steigt München über Nacht wieder an die Spitze des literarischen Theaters auf. Mit großer Eigenart und poetischer Lust wird hier auf hohem dramaturgischem Niveau ein Beweis gegen Gott versucht. Dass der am Ende doch scheitert, kann nur Zufall sein. Oder eben doch die Strafe für so stolze Sätze wie diese: „in der Hinterhand verborgen hältst du nichts zurück, du Welt, gespielt sind alle Karten schon, was man in Händen hält, es wurde schon gegeben, mehr erhält man nicht“.

          Weitere Themen

          Theater und die Kunst zu leben Video-Seite öffnen

          Spielplanänderung – Folge 6 : Theater und die Kunst zu leben

          In dieser Folge der „Spielplanänderung“ kehren wir zum wahren, schönen Leben zurück: Sardanapal ist nicht nur tragischer König und Bühnenheld, sondern vor allem ein Genießer des schönen Lebens. Zusammen mit dem langjährigen Volksbühnen-Dramaturgen Carl Hegemann erkunden wir Parallelen zwischen diesem König, der keiner sein will und heutigen politischen Disputen.

          Topmeldungen

          Das Wahlplakat der Grünen

          #Allesistdrin : Die schöne Welt mit Lastenrad

          Ein Wahlplakat der Grünen zeigt eine vierköpfige Familie, die mit einem Lastenfahrrad durchs Grüne fährt. Und es zeigt ein Problem, das die Partei in ihrer Ansprache hat.
          Am 17. Februar im libyschen Benghazi: Frauen halten Landesfahnen hoch, um den 10. Jahrestag des Arabischen Frühlings in Libyen zu feiern, der zum Sturz des damaligen Gewaltherrschers Gaddafi führte.

          Hilfe für Libyen : Zwischen Wahl und Warlords

          Bisher hält der Waffenstillstand in Libyen. Nun soll eine weitere Konferenz in Berlin die Stabilisierung des Landes voranbringen. Doch nicht jeder Akteur hat daran ein Interesse.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.