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Eröffnung am Residenztheater : Am Ende hat noch jeder jede aufgegeben

Fahrt nach München! „Die Verlorenen“ von Ewald Palmetshofer Bild: Birgit Hupfeld

Endlich wieder Sprachkunst für die große Bühne: Das Residenztheater in München eröffnet unter neuer Leitung mit der Uraufführung von Ewald Palmetshofers „Die Verlorenen“.

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          Wo auch immer triumphierend oder wehmütig das Fehlen zeitgenössischer Dramatik beschworen, der Schwund dialogischer Texte von der Bühne beklagt wird, kann man nun froh entgegnen: Fahrt nach München! Zum Residenztheater. Schaut euch das neue Stück von Ewald Palmetshofer an. Und überlegt euch, ob ihr dann immer noch sagen wollt, es gebe heute keine Dramatiker mehr. Hier beweist einer das Gegenteil. Indem er für die große Bühne schreibt, fürs Ensemble, das damit lustvoll spielen kann vor einem Publikum, das die Erzählung schätzt und Sprachkunst auch in unseren fortgeschrittenen Theatertagen nicht für minderwertig hält.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          „Die Verlorenen“ heißt das neue Stück von Ewald Palmetshofer, das er für seinen langjährigen Intendanten Andreas Beck – seit dieser Spielzeit Leiter des Münchener Residenztheaters – geschrieben hat. Nach seinem großen Erfolg mit einer aktualisierten Bearbeitung von Hauptmanns „Vor Sonnenaufgang“ im letzten Jahr, ist das nun wieder eine eigene Produktion, im unverwechselbaren Palmetshofer-Stil, mit seiner uneigentlichen Diktion und herrlich verkünstelten Satzführung.

          Im dramatischen Brennpunkt steht Clara, eine ewig Verlorene. Ohne Mann und Geld, von ihrem Sohn verachtet und sich selbst verhasst, streift sie durchs Leben als wäre sie der Welt abhandengekommen. Schon in der Schule war sie aus Prinzip die Ausgeschlossene, nur um sich dann mit der Zeit immer mehr „eingeschlossen im am Leben Sein“ zu fühlen. Und ständig abzurutschen, hinzugleiten, umzufallen, wie um zu beweisen, dass es nichts anderes über ihr gibt, keinen Schutz, kein drunten, droben, drüben, nur das hier und jetzt und die Überzeugung: „Uns hält sonst keiner“.

          Auswegslos verloren

          Nach einem Prélude dichter chorischer Beschreibungen steht Clara in einem streng-schlichten weißen Bühnenraum, mit nichts als einem Holzkreuz an der Hinterwand, und verhandelt mit ihrem Ex über ein Aussetzen ihrer Sorgepflicht. Sie will ein paar Wochen in den Wald, ins Haus der Großmutter, ohne Netzempfang und vor allem ohne Verantwortung für den gemeinsamen Sohn. Die neue Frau des alten Mannes gibt vorwurfsvoll Erziehungsratschläge, während das Kind unter der Bettdecke mit dem Gesicht nah am Bildschirm bleibt. Eine Alltagsszene, Entwurf eines gewöhnlichen Lebens, so wie es Millionen führen, ohne zu merken, wie viel Schaden sie dabei nehmen, wie ausweglos sie gerade verloren gehen.

          Das sich verändernde Licht ist der einzige offensive Einfluss, den Nora Schlockers ruhige, sehr feinfühlende Regie auf das Textgeschehen nimmt. Es trennt die verschiedenen Szenen voneinander, gibt den Takt vor für die rhythmisch geformte Sprachpartitur. Dadurch, wie die Worte zueinanderkommen und sich voneinander abstoßen, entsteht eine Spannung, die sich dann kraftvoll auf das Gesagte überträgt. So kann beispielsweise ein Thekengespräch in der Dorftanke zum geheimnisvollen Orakelspruch für eine Gesellschaft von Geschundenen werden.

          Ein Mann, den sie „den alten Wolf“ nennen, erzählt der „Frau mit dem krummen Rücken“ und dem „Mann mit der Trichterbrust“ davon, wie er nachts mit seinem Auto schlaflos durch den Wald gefahren und plötzlich mit einer Hirschkuh zusammengetroffen sei. Schnaubend hätte die sich nicht vom Fleck gerührt, sei stattdessen langsam auf ihn zu spaziert, hätte die Vorderhufe auf die Motorhaube gestellt, den Kopf weit hervorgestreckt und ihren Atem auf die Windschutzscheibe schlagen lassen. Und als er dann zurücksetzen wollte, so der „alte Wolf“, sei die Hirschkuh auf einmal losgaloppiert, als ob „es auf mein Auto aufgeritten ist das Teufelsvieh, als ob’s es ficken wollt“.

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