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Theaterpremiere in Freiburg : Er ist die Trauer und der Trost

Robert Hunger-Bühler als „Anne-Marie die Schönheit“ in der deutschsprachigen Erstaufführung von Yasmina Rezas gleichnamigem Stück in Freiburg. Bild: Britt Schilling

Unbezwinglich zarter Widerspruch des Lebens gegen den Tod: Robert Hunger-Bühler spielt Yasmina Rezas Soloabend „Anne-Marie die Schönheit“ am Theater Freiburg.

          4 Min.

          Es ist alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt. Der Satz stammt von Thomas Bernhard, und auf brutale Weise schien dieser Aufschrei, den Bernhard auch in seinen Theaterstücken umkreiste, immer schon wahr zu sein und keinen Widerspruch zu dulden, obwohl er sich insgeheim natürlich nach Widerspruch sehnt, seitdem er zum ersten Mal ausgesprochen wurde. Man kann diesen Widerspruch jetzt endlich auf der Bühne erleben, verkörpert von Robert Hunger-Bühler: Es ist ein unbezwinglich zarter, schon leicht tüdelig-derangierter Widerspruch, wie zu sich selbst gesprochen, nicht auftrumpfend, sondern sanftmütig formuliert von einem nicht mehr jungen Mann, der eine nicht mehr junge Frau darstellt. Ein Schauspieler spielt eine Schauspielerin, die an den Tod denkt, und beide gemeinsam treten dabei den Beweis an: Nein, es ist nicht alles lächerlich im Angesicht des Todes, denn der Mensch, der an den Tod denkt, ist nicht lächerlich. Er ist anrührend, mitleiderregend, zerbrechlich. Er ist wie wir. Er ist die Trauer und der Trost.

          Hubert Spiegel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Bühne im Kleinen Haus des Freiburger Stadttheaters ist noch verwaist. Links steht ein altertümliches Schminktischchen mit drei Glühbirnen, von denen eine sich bereits schicksalsergeben allmählich ins Glühbirnenjenseits hinüberflackert. Rechts davon stehen vier Glasvitrinen. Zwei sind Vergangenheitsbehältnisse, eine führt in die Gegenwart, und die vierte Vitrine ist ein zellenartiges Etwas mitten im Raum, eine Art Windfang mit einer Tür, durch die sich Anne-Marie später mehrfach hinein- oder hinauszwängen wird. Sie tut dies vorsichtig, tastend, als beginne nun eine Reise ins Unbekannte oder als probe sie etwas, einen Auftritt vielleicht, einen Abgang womöglich.

          Jetzt kommt Robert Hunger-Bühler aus den Kulissen und setzt sich wortlos ans Schminktischchen, richtet sich die Frisur, aber da war nie viel zu wollen, schminkt sich die Lippen, legt sich die Perlenkette um den Hals und die linke Hand aufs linke Knie. Es ist ganz neu, aus Titan, also unvergänglich. Eine Prothese für die Ewigkeit. Dann beginnt Anne-Marie zu erzählen.

          Träume einer Halbschattenexistenz

          „Anne-Marie die Schönheit“ ist ein Theaterstück von Yasmina Reza, der im vorigen Jahr mit André Marcon in Paris uraufgeführte Monolog einer alten Schauspielerin, die ein ganzes Leben im Nebenrollenhintergrund verbracht hat, eine Halbschattenexistenz, deren Träume vom Ruhm sich nie erfüllt haben. Als Kind himmelte sie die Provinzschauspieler ihrer Heimat an, als junge Frau in Paris hat sie mit angehaltenem Atem den steilen Aufstieg ihrer lasziven Kollegin Giselle verfolgt und sich um deren Tochter gekümmert. Und als alte Frau hat sie Giselle wiedergetroffen und sie das letzte Stück auf dem Boulevard der Dämmerung begleitet. Nun ist Giselle tot, und Anne-Marie, die nur in ihren Träumen eine Schönheit war, gibt ein Interview und blickt zurück auf ihr Leben im Schatten der schönen Giselle, die immer sämtliche große Rollen abgriff, mühelos, lässig auf der Chaiselongue in ihrer Garderobe liegend, mit einer Miene, als ob ihr alles egal wäre: „Es ist gut für die Karriere, wenn du so ausschaust, als ob dir alles egal wäre.“

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