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Ennio Morricone auf Deutschland-Tour : Lieber Webern als Western!

  • -Aktualisiert am

Es kommt eben auf den Einsatz an: Ennio Morricone dirigiert seine Kompositionen, die großen Filmen erst ein Klanggesicht geben. Bild: dpa

Ennio Morricone, der bedeutendste lebende Filmkomponist, ist es leid, immer nur nach „Spiel mir das Lied vom Tod“ gefragt zu werden. Jetzt dirigiert er in Deutschland und redet gerne über anderes.

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          Der Maestro verdreht entnervt die Augen. Soeben hat ein Fernsehjournalist die Torheit besessen, Ennio Morricone nach Sergio Leone und „Spiel mir das Lied vom Tod“ zu fragen. Ob es denn eine besondere Zusammenarbeit gewesen sei? „No!“, grummelt Morricone, alle Zusammenarbeiten mit Regisseuren seien gleich. Im Übrigen habe er mehr als fünfhundert Filmmusiken komponiert, aber ständig - gerade hier in Deutschland, wie er mit abermaligem Augenrollen hinzufügt - fragten alle immer nur nach Leone.

          Man kann verstehen, dass Morricone pampig wird. Man kann aber auch verstehen, dass alle nach den Soundtracks zu den Italo-Western fragen. Und natürlich war die Zusammenarbeit besonders. Wenn Morricone einmal in Plauderlaune ist und merkt, dass sein Gegenüber auch an zwei, drei anderen Arbeiten interessiert ist, erzählt er gerne von seinem alten Schulfreund aus Trastevere. Es war der Kino-Erneuerer Sergio Leone, der Morricone etwas ermöglichte, was bei nur wenigen anderen machbar war: die Musik - wie in „Spiel mir das Lied vom Tod“ - zum Hauptdarsteller des Films zu machen.

          Vorbild für Metallica und Depeche Mode

          Natürlich gehen bei der Fokussierung auf die Italo-Western all die anderen tollkühnen Arbeiten Morricones allzu leicht unter. Beispielsweise das Titelstück zu Pier Paolo Pasolinis sozialkritischem Schelmenstück „Große Vögel, kleine Vögel“, bei dem - wohl einmalig in der Filmgeschichte - die Credits des Vorspanns gesungen wurden: „Dabei war das noch nicht einmal meine Idee“, gibt Morricone zu, „Pasolini selbst hatte diesen Einfall. Ich habe mir dann eine bewusst etwas alberne Musik ausgedacht, fast ein Kinderlied, zu der Domenico Modugno dann all diese Filmberufe singt. Unvergleichlich!“

          Falsche Bescheidenheit liegt Morricone fern: Den Oscar für sein Lebenswerk, den er 2007 auf Drängen Robert De Niros erhielt, bezeichnet er als „überfällig“; von anderen Filmmusikern grenzt er sich gerne ab. Vollkommen zu Recht: Morricones Leistung ist einzigartig, sein Einfluss auf die Popmusik immens. Als er in den Sechzigern für die Italo-Western-Soundtracks Kojotengeheul, unheimliches Pfeifen und Ambossschläge zum Einsatz brachte, revolutionierte er nicht nur die Filmmusik und erfand das moderne Arrangement, er krempelte zugleich die Popmusik mit um und beeinflusst bis heute so unterschiedliche Musiker wie Calexico, Depeche Mode, Morrissey, Metallica, die Pet Shop Boys oder Danger Mouse.

          Wenn heutigen Filmkomponisten gar nichts mehr einfällt, sampeln sie eben Morricone (wie Hans Zimmer für „Fluch der Karibik - Am Ende der Welt“). Auch die letzten Tarantino-Filme profitierten stark von der Wiederverwertung alter Morricone-Stücke; für „Django Unchained“ bekam der italophile Regisseur gar ein brandneues Stück komponiert.

          Minimaler Tonvorrat, maximale Abwechslung

          Morricone, 1928 in Rom geboren, schrieb seine erste Komposition im Alter von sechs. Mit vierzehn begann er am Konservatorium von Santa Cecilia in Rom Trompete und Chormusik zu studieren. Um seine Familie zu unterstützen, spielte er nachts Trompete in den Nachtclubs der Stadt. 1956 tritt er eine Stelle als Komponist und Arrangeur für Unterhaltungsmusik bei der italienischen RCA an.

          Ennio Morricone dirigiert im Hallenstadion Zürich
          Ennio Morricone dirigiert im Hallenstadion Zürich : Bild: dpa

          Schon in diesen Popstücken ist sein kompositorisches Genie deutlich zu erkennen. Ein Paradebeispiel ist „Se Telefonando“. Die Struktur dieses grandiosen Prachtexemplars der musica leggera ist beispiellos: nur eine Strophe und dann ausschließlich Refrains, die sich in acht Tonartwechseln immer weiter nach oben schrauben. Morricone, für jedes Lob unempfänglich, erklärt die Sache sachlich: „Na ja, ich wollte ein Stück schreiben, das sich auf drei Töne beschränkt, etwas ganz Minimales. Gleichzeitig brauchte ich aber auch Abwechslung, also habe ich mich eben in den Tonarten ausgetobt.“

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