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Ennio Morricone auf Deutschland-Tour : Lieber Webern als Western!

  • -Aktualisiert am

Hört euch die Dissonanzen doch erst mal an

Trotz aller Hollywood-Erfolge - die Essenz von Morricones Arbeit findet sich in seinen Arbeiten für italienische Filme: in Bertoluccis „1900“ (dessen Thema zur Hymne der spanischen Sozialisten wurde), in Giuliano Montaldos „Sacco e Vanzetti“ (dessen von Joan Baez gesungener Protestsong „Here’s to You“ in Wes Andersons „The Life Aquatic with Steve Zissou“ wiederverwendet wurde) oder in „Zwei Companeros“, einem ebenso derben wie irren Revolutionswestern des „Django“-Regisseurs Sergio Corbucci, für den Morricone eine Titelmusik schrieb, zu der man geneigt ist, sofort zu den Waffen greifen zu wollen: „Für dieses Stück habe ich mich an einem gregorianischen Chor orientiert. Das merken die meisten Leute natürlich nicht. Aber für mich ist das eine Möglichkeit, mich selbst ein bisschen zu unterhalten.“

Ein anderer Regisseur, mit dem Morricone häufig arbeitete, ist der italienische Horror-Papst Dario Argento, bei Fans geliebt für seine surrealen Angst-Opern voll fetischisierter Gewalt: „Bei Dario war das so eine Sache“, erzählt Morricone amüsiert. „Ich hatte für ihn erstmals in meiner Laufbahn eine organisierte Improvisation geschrieben. Als ich ihm die Musik vorlegte, sagte er nur, dass sich alle Dissonanzen, die ich für die verschiedenen Spannungsszenen geschrieben hatte, völlig gleich anhörten. Ich wurde sogar zu seinem Vater Salvatore, damals ein großer italienischer Produzent, bestellt. Ich sagte ihnen, dass man sich die Dissonanzen mal hintereinander anhören solle, dann wäre leicht zu bemerken, dass sie sehr unterschiedlich seien. Aber wenn man keine Ahnung hat . . . Na ja, ich habe dann einige Jahre nicht mehr mit Dario zusammengearbeitet.“

Spiel ein Lied, aber nicht vom Tod

Wenn Morricone nun in Köln und München mit dem hundertsechzigköpfigen Budapester Modern Art Orchestra eine Auswahl seiner Filmmusiken aufführt, gibt es tatsächlich etliche Facetten seines Schaffens zu hören: Selbstverständlich Auszüge aus den Scores der Tornatore-Filme, natürlich auch „Mission“ oder „Die Unbestechlichen“, das geniale Vier-Ton-Thema von „Der Clan der Sizilianer“ oder das flirrende „Chi Mai“. Freunde des Lounge-Morricone kommen mit dem süffigen „Metti una sera a cena“ auf ihre Kosten; die sperrige Seite seines Werks wird durch einige Elio-Petri-Soundtracks repräsentiert.

Vor allem aber gibt es Leone. Was in dieser Karriere-Übersicht offensichtlich wird: Morricone gelingt es wie keinem zweiten Filmkomponisten, schwerblütige Romantik und sperrige Avantgarde zu verbinden - oft im selben Score, nicht selten im selben Thema. Selbst in seinen leichten Stücken ist stets der Fan von Bach und Anton Webern zu hören, während der gewiefte Melodiker auch in kantigen Stücken durchscheint.

Hier beantwortet sich auch eine der Fragen, die man Morricone einfach nicht stellen kann: ob er denn nie unterschieden habe zwischen großer Kunst wie etwa den Filmen Pasolinis, grellem Volkskino, leichten Komödien und bluttriefendem Horror? Natürlich nicht! Auch die Frage, ob er je aufhören wird, Sergio Leone zu dirigieren, erübrigt sich. Natürlich wird er das nicht! Nur die Mundharmonika wird definitiv nicht durch Deutschlands Arenen heulen.

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