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„Endstation Sehnsucht“ in Wien : Was geht bloß in deinem Köpfchen vor?

  • -Aktualisiert am

Nabelschau mit nackten Füßen: Steffi Krautz als Blanche DuBois. Bild: www.lupispuma.com / Volkstheater

Witz und Wasser marsch! Pinar Karabulut inszeniert „Endstation Sehnsucht“ am Volkstheater in Wien und ertränkt dabei ihr eigenes Konzept.

          3 Min.

          Das Saallicht ist noch nicht erloschen, der Bühnenvorhang noch geschlossen, das Publikum schnattert noch ein bisschen untereinander. Filmszenen, an einem Spieltisch (Black Jack? Poker?), werden da bereits auf den Vorhang projiziert. Langsam wird der Ton lauter, das Licht nimmt ab, das Publikum verstummt erwartungsvoll. Eine Dame löst sich aus dem Filmgeschehen, tauscht die gewonnenen Jetons ein, verlässt das Casino und betritt, ganz in feines Weiß gewandet, mit einem Sonnenschirm versehen, erst den Saal und dann die Bühnenrampe. Steffi Krautz, die in dieser Inszenierung von Tennessee Williams‘ „Endstation Sehnsucht“ durch die junge, zuletzt in Köln tätige Pinar Karabulut Blanche DuBois spielt, die aufdringliche, alkoholabhängige, verzweifelte, sich selbst täuschende, zerstörte, verlebte Südstaatenschönheit auf ihrem Weg in den Abgrund, rezitiert die Regieanweisungen. Dann hebt sich der Vorhang, und Blanche befindet sich mitten in der Behausung ihres Schwagers Stanley Kowalski und ihrer Schwester Stella.

          Das Bühnenbild ist, nach der irritierenden Auftrittsszene, die zweite Überraschung. Aleksandra Pavlović hat eine übertrieben prächtige Eingangshalle entworfen: Sie besteht hauptsächlich aus blumengeschmückter Treppe mit vagem, verdunkeltem Ausblick in einen exotischen Garten sowie beinahe lächerlich auf trompe-l’oeil-Fluchtpunkte konzentrierten Seitenwänden sowie mit Stuckatur überfrachteten Plafonds, das alles noch auf halbe Bühnenhöhe eingerahmt.

          Spätestens der Auftritt von Jan Thümer als Stanley – er pirscht sich, das ganze Geschehen in Neonlicht getaucht, wie ein Reptil auf allen vieren an Blanche heran, beschnuppert sie, leckt sie ab – macht endgültig klar, was uns die Regisseurin an diesem Abend erzählen will. Denn unmittelbar darauf tritt Stanley nochmals auf, diesmal in halbwegs erträglicher Bühnenausleuchtung, eher vorsichtig-freundlich als aasig, von heraushängender Zunge keine Spur. Pinar Karabulut nimmt uns in die Innenwelt von Blanche mit, die in der Regiesicht der Dinge meist alles wie durch die sprichwörtlich rosa Brille bestaunt. Und manchmal eben alles doppelt erlebt, erst, um ein anderes Zitat zu bemühen, als große Tragödie, das andere Mal als lumpige Farce. Wenn auch nicht unbedingt immer in dieser Reihenfolge.

          Diesen spannenden Ansatz, der sich durchaus mit der Absicht von Tennessee Williams – wenngleich nicht ganz mit seinem Dramentext – verträgt, zerstören die vielen, übertriebenen Kasperliaden bald wieder. So wirkt Katharina Klar als Stella in dem ihr zugedachten Fitnessstudio-Outfit, dazu blaue Wuschelperücke mit meist seitlich abstehenden Haarwülsten, vor allem wenn ihr oft das Gesicht zu einem breiten Lachen mit weit offenem Mund gefriert, wie ein Clown aus dem Repertoire von Stephen King. Die Freunde von Stanley rasen in schrill-bunter, hippieartiger Kleidung (Kostüme: Johanna Stenzel) kreischend über die Bühne, verfolgen einander, wollen zur nächsten Party und beschimpfen einander eher spaß- als ernsthaft. Eine Ausnahme bildet – aber bloß ansatzweise – Mitch, den Blanche sogar, wie großmütig von ihr, zu heiraten gedenkt.

          Wassermassen und Herumgeblödel

          Als eben dieser Mitch darf sich Nils Hohenhövel durchaus zurücknehmen, muss nicht ständig das gruselige rosa Rüschenhemd zu den blauen Schlaghosen präsentieren, sondern trägt, dann freilich in Blanches etwas geläuterter Sicht, einen harmlos-normalen Anzug und keine türkise Wurbelperücke auf dem Kopf. Das ändert sich schnell wieder, als er Blanches wahre Geschichte erfährt – den Landsitz in Laurel, Mississippi, verloren, vielleicht verspielt, sodann längerer Aufenthalt in einem übel beleumdeten Hotel mit zahlreichen, wechselnden „Verehrern“, die Anstellung als Lehrerin nach einer Affäre mit einem Schüler weg, dann Besuch bei, also Flucht zu Stella nach New Orleans.

          Keine Frage, Steffi Krautz‘ Blanche erträgt all diese – wohl wahren, doch wer weiß? – Vorwürfe erst stoisch, dann immer verzweifelter und schließlich in einem überwältigenden Gefühlsausbruch. Ist es da wirklich nötig, die ganze Szene unter Wasser zu setzen? Wasser, das als Regenguss minutenlang die Treppe herabströmt und vermutlich auch aus dem – von Blanche oft benutzten – Bad (unsichtbar, hinter der Bühne) hervorschwappt. Schon allein diese Flut schwemmt den hervorragenden Einfall, die Vergewaltigung durch Stanley aus Blanches Erinnerung zu tilgen, schon gar nicht zu zeigen, nur von Stella ansprechen zu lassen und so zum zunehmenden Wahnsinn von Blanche beizutragen, hinweg. Da kann auch die ebenfalls stimmige, nun nicht mehr überraschende Schlussszene, welche die Einlieferung von Blanche in die Irrenanstalt wieder als Videoprojektion auf dem herabsinkenden Vorhang zeigt, nichts mehr retten.

          Eine in den Grundzügen durchaus wohlüberlegte, sensibel durchdachte Inszenierung eines modernen Theaterklassikers wird in Wassermassen und Herumgeblödel ersäuft. Schade auch für das Wiener Volkstheater, das gerade in seiner derzeitigen, nicht gerade rosigen Umbruchphase mit ungewissem Ausgang eine überzeugendere Aufführung sehr gut vertragen könnte.

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