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Ende einer Intendanz : Die Platzlosigkeit der Platzpatronen

  • -Aktualisiert am

Wer nichts zu sagen hat, muss tanzen: Sandra Bayerhammer in Wanda Golonkas Teich zu Bachs c-Moll-Präludium beim Frankfurter Abschied Bild: Alexander Paul Englert

Mit der „Stunde da wir nichts voneinander wußten“ von Peter Handke geht im Schauspiel Frankfurt Elisabeth Schweegers Intendanz doch noch ganz lose zu Ende: sprachlos, ortlos, laut und auf eine Grobe Art brav.

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          Es ist ja doch auch eine Gnade, dass das gesamte Schauspielensemble, das die Frankfurter Intendantin Elisabeth Schweeger zuletzt unter Vertrag hielt, sich von der Stadt und dem Erdkreis mit der Aufführung eines Werkes verabschiedet, in dem kein einziges Wort fällt. Denn wenn die dreiunddreißig Damen und Herren Text gehabt hätten, würde man schnell gemerkt haben, dass sie es mit der Liebe zur Sprache, zu den Nuancen der Wortpoesie und den Schönheits- und Grausamkeitsabgründen des Verdichteten nicht gerade übertrieben hatten in den letzten acht Jahren. Das, was jetzt allerorten etwas großspurig eine „Ära“ genannt wird, war zuvörderst eine sprachlose.

          Worüber dieses Theater sprechen wollte, wurde in den Überbau transferiert: in die Schwatz- und Schwurbelsphäre „Philosophischer Salons“, in denen alles dekonstruiert wurde, was der liebe poststrukturalistische Theoriegott in sieben Tagen nicht erschuf. Drunten aber an der theatralischen Basis standen die wackeren Frankfurter Schauspieler meist frontal zum Publikum und waren vor allem: laut. Und auf eine grobe Art: brav. Wenn sie jetzt alle zusammen „Die Stunde da wir nichts voneinander wußten“ von Peter Handke spielen und schon vom Stück her kein Wörtlein sagen müssen, dann deckt das ihre Hauptschwäche schön zu.

          Nur eine Leere

          Der Abend unter der Regie der Hauschoreographin Wanda Golonka deckt aber eine andere Schwäche des Schweeger-Theaters auch schön auf: dessen Ortlosigkeit. Es kam ja nie richtig aus seinen meist grob gezimmerten Bühnenversatzstückwänden heraus. Es fand keine Bilder von Welten in Bühnenbildern. Denkt man an die Schweeger-Zeit, denkt man entweder an Sperrholz, an schiefe Ebenen oder an große Löcher im Boden (auch eine Tiefgarage war schon mal dabei). Jetzt, in der „Stunde da wir nichts voneinander wußten“, einem Piazza-Zaubermärchen, das Claus Peymann 1992 in Wien uraufführte und aus dem Luc Bondy 1994 an der Berliner Schaubühne ein unvergessenes Traumspiel machte, müsste, wie Handke es sich wünscht, die Losung heißen: „Bleib im Bild!“. Aber es ist in Frankfurt gar kein Bild da. Nur eine Leere.

          Wo Karl-Ernst Herrmann für Peymann in Wien einen geheimnisvollen Ort gebaut hatte, umstanden von hohen, fensterlosen Häusern, zwischen denen Gassen ahnbar waren, in denen die Figuren, die da über den Platz wehten, die tollsten Abenteuer erleben konnten; wo Gilles Aillaud für Bondy in Berlin einen ägyptisch-südfranzösischen Wüstenalbtraum mit Basketballmasten, Autoruinen, Anubishund-Statue und Dachgärten phantasierte, wo also diesem Stück schon mal zwei ganz unterschiedliche Außenwelten geschaffen wurden, da bleibt Wanda Golonka, die auch ihre eigene Bühnenbildnerin ist, in Frankfurt einfach drinnen im Bühnengehäus' stecken. Zwei Rasenstücke, sechs Schirme, ein flacher Teich, ein geharktes Steinbeet, ein paar Stühle. Keine Gassen, keine Hinterwelt. Keine Abenteueraufladungen draußen, die dann drinnen auf dem Platz explodieren könnten.

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