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Ende der Ära Castorf in Berlin : Denn alle List will Ewigkeit

Christoph Marthalers Stück „Bekannte Gefühle, gemischte Gesichter“ an der Berliner Volksbühne ist die letzte Inszenierung unter Castorf. Bild: Walter Mair

Die Volksbühnenglut glimmt noch: Christoph Marthaler eröffnet die letzte Spielzeit vor der Ankunft Chris Dercons mit einem wehmütig-heiteren Theaterfest.

          Es ist aus und vorbei. Das Leben ist vorübergezogen wie ein kleines graues Wölkchen am Herbsthimmel. Was bleibt, sind Schmutzränder an den Wänden der leeren Wohnung und ein paar letzte Kisten, die es noch wegzuräumen gilt. Aber die haben es in sich. In diesen Kisten hat Christoph Marthaler klammheimlich all das versteckt, was nicht vergehen soll. Denn alle List will Ewigkeit.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Gott hat die Welt eingerichtet, der Mensch hat sie verkommen lassen, Anna Viebrock räumt sie leer. Der große, hohe, einstmals herrschaftliche Raum mit den Atelierfenstern in den Dachschrägen ist kahl wie die Glatze eines Greises - bis auf zwei an die Wand gedrängte Klaviere, ein Harmonium, eine kleine Orgel, zwei blitzblanke Futternäpfe und das winzige Foto eines Mannes, das die Bühnenbildnerin rechts oben an die Wand gehängt hat. Wer das wohl sein mag? Das ist auch aus den vordersten Reihen im Volksbühnenparkett nicht zu erkennen. Linker Hand wartet ein kleines Fenster, eine Art Durchreiche, auf seinen Einsatz, in der Ecke lauern zwei Fahrstuhltüren, eine davon in halsbrecherischer Viebrockscher Halbhöhenlage, darauf, ihre Opfer zu verschlingen und wieder auszuspeien.

          Wie kostbare Kunstwerke

          Jetzt schlurft der Hausherr herein. Vielleicht ist es Gott oder ein altgedienter Verwalter. Der hünenhafte Schauspieler Ulrich Voß trägt einen knöchellangen, verschlissenen Kaftan und hält ein liebevoll abgewetztes rotes Stühlchen in schaufelblattgroßer Greisenhand. Für das sucht er einen Platz. Aber er findet keinen, denn die Leere füllt den Raum bis in den letzten Winkel. Also geht er wieder.

          Nun öffnen sich die hohen Flügeltüren im Hintergrund zum zweiten Mal. Ein Mann im grauen Hausmeisterkittel schiebt ein Wägelchen herein, auf dem ein unförmiges Etwas ruht, gut verpackt in graue Umzugsdecken, unter denen hervor es leise singt und zärtlich klimpert: „Take, oh take those lips away.“ Shakespeare, Maß für Maß.

          Das Wägelchen ist ein Schiebebügeltransportwagen, wie es in der Umzugsbranche heißt, Traglast bis zu fünfhundert Kilogramm. So schwer ist Jürg Kienberger aber gar nicht und sein kleines Spinett auch nicht. Bevor der Hausmeister den zarten Sänger und sein Instrument aus den Decken schält wie eine frische, noch grüne Haselnuss aus ihrer spätsommerweichen Augustschale, holt er noch weiteres Umzugsgut aus den hinteren Räumen: ein knappes Dutzend Schauspieler und Sänger, gut verpackt und in große, gut gepolsterte Transportkisten gesteckt, wie sie zum Einsatz kommen, wenn kostbare Kunstwerke ausgeliehen werden und auf Ausstellungstournee gehen. Sind wir etwa schon im künftigen Volksbühnenmuseum am Frank-Castorf-, ehemals Rosa-Luxemburg-Platz?

          Mafiös verruchte Chanteuse

          Der Norweger Magne Håvard Brekke wird aus seiner luftgepolsterten Transportfolie gerollt wie aus einem Leporello, die Sängerin Tora Augestad trägt noch nicht mehr als ihre Unterwäsche, als ihre Kiste zum ersten Mal geöffnet wird, während Irm Hermann als ausgehbereite Venus Anadyomene auf einem Stuhl in ihrem Sperrholzschlösschen thront, gestiefelt und gespornt, die Handtasche auf dem Schoß und auf den Lippen das kokette Lächeln einer unsterblichen Diva, maßlose Gefallsucht wie eine Federboa um die schmalen Schultern gelegt.

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