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Publikumsforschung im Konzert : Der Trend geht zum Hören mit den Augen

  • -Aktualisiert am

Was könnte Musik noch sein, wenn sie nicht ausschließlich für sich steht? Anna Netrebko bei der Last Night of the Proms in London, 2007. Bild: picture-alliance

Reicht es, wenn da vorne irgendwo ein Orchester spielt? Und wie kann man Nähe zwischen Musik und Publikum herstellen? Ein Experiment will die physiologischen Reaktionen der Hörer beim Konzert messen.

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          Als Wontae Kim an diesem Morgen aufwacht, weiß er nicht, was ihn am Abend erwartet. Er ist Musiker, Solo-Bratschist im Brandenburgischen Konzertorchester Eberswalde. Auf Instagram entdeckt er einen Post von Amihai Grosz. Gemeinsam mit Alban Gerhardt, Baiba Skride, Gergana Gergova und Michail Afkham spielt Grosz an elf aufeinanderfolgenden Tagen ein Quintett-Programm. Das gängige „Sandwichprogramm“: Klassik, Neue Musik, Romantik. In diesem Fall: Beethoven, Dean, Brahms. Das Konzert findet in einem ehemaligen Pumpwerk statt, dem Berliner Radialsystem. Kim war noch nie dort. Am Ort tummeln sich um den Empfangstresen und im Flur zahlreiche Menschen. Es wimmelt vor Fragen und Neugierde. Hier erfährt Kim, er könne sich das Konzert nicht nur als Besucher, sondern auch als Teilnehmer der Experimental Concert Research (ECR) anhören. Dafür müsse er sich verkabeln lassen. Kim erklärt sich bereit. Er wird Proband Nummer 54.

          Mit Dutzenden anderen Versuchsteilnehmern wird er in einen Raum mit riesigen Bogenfenstern geführt. Das Licht der Abendsonne fällt auf die hundert Plätze im Raum. Darin liegen auf Sperrholztischen Tablets mit Fragebögen aus und Einverständniserklärungen, dass während des Konzerts Atmung, Herzfrequenz, Hautleitwert, Mimik und Bewegung aufgezeichnet werden. Kim unterschreibt und beginnt mit dem Fragebogen. Bei seinen musikalischen Vorkenntnissen gibt er an, selbst Musiker zu sein. Nach einigen weiteren Antworten blickt er auf und sagt: „Es geht anscheinend um meine Zukunft.“

          Immersion und Synchronizität

          Auf Antworten wird er noch zwei bis fünf Jahre warten müssen. Bis dahin werden Musikwissenschaftler, Psychologen, Soziologen und Musikschaffende im Datensatz der ECR gelesen haben. Forschungsleiter ist der Kultursoziologe Martin Tröndle. Zusammen mit einem internationalen Forscherteam geht er der Frage nach, ob und unter welchen Bedingungen sich Menschen mit Musik synchronisieren. Die Arbeitshypothese ist: „Die Immersion in der Musik führt zu erhöhter Synchronizität.“ In der Astronomie bezeichnet Immersion den Moment, in dem ein Himmelskörper in den Schatten eines anderen tritt. So kann auch unser Körper in den Einfluss ästhetischer Reize wie Musik treten.

          Ort für Experimente: Das Radialsystem in Berlin
          Ort für Experimente: Das Radialsystem in Berlin : Bild: picture-alliance/ dpa

          Entscheidend ist das für die Frage, wer in Zukunft Konzerte besucht und wie diese aussehen könnten. Ausgangspunkt sind Missstände, wie sie bereits während der Corona-Pandemie sichtbar wurden. Staatliche Kulturförderung etwa könnte sich mangels Reichweite deutlich verringern oder ganz ausbleiben. Laut einer Erhebung der Bundeszentrale für politische Bildung erreichen Kultureinrichtungen mit ihrem gegenwärtigen Angebot nur 4,5 Prozent ihrer potentiellen Nutzer. Das klingt alarmierend, belegen lässt sich das aber nicht, schreibt Tröndle in seinem Buch über „Nicht-Besucher“. Seine Untersuchungen zeigen, dass Nähe der entscheidende Faktor für den Besuch einer Kultureinrichtung ist, sowohl im wörtlichen als auch im übertragenen Sinn: sei es die Nähe zur eigenen Lebensrealität, die Nähe zur Bühne mit der Unmittelbarkeit des Live-Erlebens oder die Nähe zu vertrauten Personen. Kaum jemand möchte allein ins Konzert oder ins Museum. Das Ergebnis: „Kultureinrichtungen können derzeit zu 75 Prozent der Probanden keine Nähe aufbauen.“ Nun fragt Tröndle: Wer würde ins Konzert gehen, wenn ... ?

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