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Konzert beim DSO Berlin : Wucht ohne Ich-Sucht

  • -Aktualisiert am

Feuerkopf, aber kein Egomane: Maxim Emelyanychev. Bild: Elena Belova

Jahrelang diente Maxim Emelyanychev als Cembalist unter der Leitung von Teodor Currentzis. Sein Debüt als Dirigent beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin zeigt, dass er sich klug emanzipiert hat. Mit dem Pianisten Francesco Piemontesi fängt er an zu zaubern.

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          Wohin nur mit den Händen? Gleich werden sie den Gang der Töne regeln, in die Luft über dem Orchester greifen, den Klang hinüber und herüber fächeln, ihm Schwung und Richtung geben oder ihn ausbremsen. Aber jetzt, zu Beginn, sind die Hände noch zur Untätigkeit verdammt, was ihrem Besitzer, dem russischen Dirigenten Maxim Emelyanychev, erkennbar Unbehagen bereitet. Einen Taktstock, den er beim Auftritt auf die Bühne in den Händen halten könnte, benutzt er ja nicht. Also hält er die Linke leicht angehoben vor der Brust in einer professoralen Geste vergangener Zeiten. Bedächtig ist Emelyanychev dabei nicht. Er eilt, ja stürzt aufs Podium, und wenn er sich dann zum Orchester dreht und zu dirigieren beginnt, hat er gar nichts Professorales mehr an sich, sondern erinnert an ein enthusiastisch spielendes Kind.

          Der vierunddreißigjährige Dirigent und Pianist, der in Nischnij Nowgorod aufwuchs und dann in Moskau bei Gennadij Roschdjestwenskij Dirigieren studierte, ist eher in Großbritannien und Frankreich unterwegs; in Italien ist er Leiter des Alte-Musik-Ensembles „Il pomo d’oro“. Sein Debüt beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin (DSO) gehört derweil zu den eher seltenen Auftritten hierzulande. Eine erstaunliche Tatsache, wenn man die ohrenöffnende Wucht seines Berliner Gastspiels erlebt. Mitgebracht hat er Stücke, so konventionell, dass mancher wohl die Nase rümpft: Franz Schuberts Große C-Dur-Symphonie, die er gerade auf CD herausgebracht hat in einer Einspielung mit dem Scottish Chamber Orchestra, wo er seit zwei Jahren Chefdirigent ist. Davor Ludwig van Beethovens erstes Klavierkonzert und die „Ruy Blas“-Ouvertüre von Felix Mendelssohn Bartholdy. Bewährte Stücke des Repertoires, an denen Emelyanychev allerdings exzellent vorführt, dass am Ende nichts anderes zählt als der Intensitätsgrad und die Dringlichkeit der Vergegenwärtigung, welchen Werkes auch immer. Dem russischen Dirigenten gelingt das so eindrucksvoll, dass man nahezu atemlos der ersten Hälfte folgt: begonnen bei den goldglänzenden Blechbläserakkorden, die das „Ruy Blas“- Vorspiel eröffnen und die Emelyanychev mit gekrümmten Fingern in den Raum setzt wie Quader, bis hin zum pointiert-elegant gesetzten Schluss von Beethovens Klavierkonzert.

          Mitreißend ist nicht nur die Energie, die der vor innerer Vibration fast Berstende um sich verbreitet, mitreißend ist ebenso die Wachheit, mit der er Partituren liest. Wie er zu Beginn des Klavierkonzertes die aufstrebenden Sechzehntel-Tonleitern in den Geigen als entscheidend erkennt für die aufgeraute Oberflächenstruktur des Themas und sie nicht, wie sonst üblich, als schluderige Verzierung mitschleift; wie die Blechbläser im stets durchhörbaren Gesamtgebilde immer eine klar wahrnehmbare, neue Qualität bringen; wie er schließlich nicht nur der Musik zu seinem Recht verhilft, sondern auch der Stille, wenn er die Generalpause vor dem Einsetzen des zweiten Themas zum Raum werden lässt, in dem nach den ersten vierzig Takten erst einmal ein- und ausgeatmet werden darf: All das zeugt von einer seltenen Bewusstheit und Überlegenheit.

          Dass Emelyanychev dabei nie mit den Stücken spielt und seine Rolle als Dirigent nicht mit der eines Schöpfers verwechselt, der – immer auf der Suche nach publikumstauglichen Effekten – aus Alt krampfhaft Neu zu machen sucht, unterscheidet ihn von manchem seiner Kollegen. Auch von Teodor Currentzis, in dessen Ensemble „Music­Aeterna“ Emelyanychev eine Zeit lang als Cembalist wirkte. Was die Energie angeht, die er zu entfachen imstande ist, befindet sich Emelyanychev nahe bei Currentzis. Dass er diese Gabe in den Dienst der Musik stellt und nicht für persönliche Zwecke missbraucht, unterscheidet ihn neben anderem von ihm.

          Bestes Einverständnis mit Francesco Piemontesi

          So kommt es auch zu einem besonderen Miteinander mit dem Solisten Francesco Piemontesi. Wie sich Klavier- und Orchesterklang im langsamen Satz zu einem agilen Ganzen verbinden, dessen Bestandteile doch ihre Identität bewahren: selten gehört. Und mehr als einmal stockt einem der Atem, wenn Piemontesi und Emelyanychev gemeinsam einen Übergang gestalten, indem sie für einen Moment die Gesetze von Raum und Zeit aushebeln und beim Hörer ein wohlig schauerndes Gefühl der Ungewissheit erzeugen. Brillanz und Klarheit, darin sind sich Solist und Dirigent ebenso einig wie im traumwandlerischen Gefühl für den gestalterischen Umgang mit dem Zeitmaß.

          Hinzu kommt das Deutsche Symphonie-Orchester, das mittlerweile zu den stilistisch wandlungsfähigsten Rundfunkorchestern des Landes gehört. Das Spiel ohne Vibrato, wie es Emelyanychev, an der historischen Aufführungspraxis geschult meist einfordert, wird hier als selbstverständliches Ausdrucksmittel ohne demonstrative Didaktik angewandt. Unter seinem derzeitigen Chefdirigenten Robin Ticciati ist der Orchesterapparat leichtfüßiger und beweglicher geworden. Das ermöglicht Emelyanychev ein Debüt, das kaum wie eines wirkt. Eher scheint es, als würden hier schon lang vertraute Partner aufeinandertreffen.

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