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Elton John auf Tour : Straße ohne Wiederkehr

Gibt zum Abschied alles: Elton John auf Tour in Deutschland. Bild: Michael Kretzer

„Farewell Yellow Brick Road“: Elton John sagt in Wiesbaden Lebewohl zu den deutschen Fans.

          3 Min.

          Elton John hat in seinen mittlerweile 72 Lebensjahren allerhand erlebt und vor allem überlebt. Eine Reizung der Stimmbänder wirft ihn also gewiss nicht um, selbst wenn er in den vergangenen Tagen ein Konzert in Verona kurzfristig absagen musste. In Wiesbaden ist die Sorge daher nicht gar so groß, dass möglicherweise das einzige Open-Air-Konzert Elton Johns bei dessen Abschiedstour durch deutsche Städte ausfallen könnte. Schließlich ist doch alles bestens bereitet: Das Bowling Green vor dem Kurhaus ist zur Konzertarena umgestaltet, das Wetter geradezu prächtig und die Wiesbadener selbst sind in bester Picknick-Stimmung und machen es sich mit Campingstühlen oder Decken auf dem abgesperrten Teil der Wilhelmstraße, im benachbarten Kurpark, oder wo man sonst der Musik vom Green lauschen kann, bequem. Elton John hat also tatsächlich weitaus mehr Zuhörer als die 11 000 Besucher, die Karten fürs ausverkaufte Konzertareal erworben haben, wo der Weltstar pünktlich um 19 Uhr die für seine Verhältnisse spartanisch ausgestattete Bühne betritt, sich unter freundlichem Jubel an den Flügel setzt und einen Akkord anschlägt, der fast jeden Konzertbesucher erst einmal von seinem Stuhl hochfahren lässt: „Bennie and the Jets“, einer der Hits von Elton Johns 1973 veröffentlichtem Erfolgsalbum „Goodbye Yellow Brick Road“, das mit dem Lebewohlgruß „Farewell“ versehen auch Elton Johns derzeitiger Welttournee den Namen gegeben hat, nach der er sich von der Bühne zurückziehen will.

          Christian Riethmüller

          Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.

          Für seine insgesamt rund 300 Abschiedskonzerte hat Elton John aus seinen fast schon zahllosen Hits ein Programm zusammengestellt, das sich zum großen Teil der Songs bedient, die er in den siebziger Jahren aufgenommen hat, in jener Zeit also, als seine Musik wirklich relevant war und er im genialen Verbund mit dem Texter Bernie Taupin große Popsongs schrieb, die auch für ein Publikum zu goutieren waren, das Rockmusik eher fremdelnd oder ablehnend gegenüberstand. Diese erstaunliche Konsensfähigkeit hat Elton Johns Musik bis heute nicht verloren, was in Wiesbaden nicht zuletzt am durchaus bunt gemischten Publikum zu beobachten ist, in dem von den „Draußen nur Kännchen, und ich habe einen Sitzplatz bezahlt, weshalb ich auch sitzen will“-Beharrungskräften über den Altrocker bis zum Indie-Nerd alles vertreten ist.

          Ob die sich alle durchweg an Elton Johns Songauswahl begeistern, sei dahingestellt, gibt es doch im Balladen-bestimmten ersten Drittel des gut zweieinhalb Stunden dauernden Konzerts auch (textlich) schwerere Kost wie etwa „Indian Sunset“ zu hören, das Elton John ohne Band und nur begleitet von seinem alten Weggefährten, dem fabelhaften Percussionisten Ray Cooper, darbietet. Hier hat er, nach kleinen Schwankungen bei Hits wie „Tiny Dancer“ zuvor, auch endgültig Kontrolle über seine Stimme gewonnen, die ihn dann sicher durch „Rocket Man“ trägt, jenen Song, dem auch das eben in den Kinos angelaufene Elton-John-Biopic seinen Namen verdankt. „High as a kite“, wie in dem Lied besungen, ist allerdings in Wiesbaden niemand, geht es doch in diesem Abschnitt des Konzertes noch immer etwas gemächlich zu und scheint auch die Band die untergehende Sonne zu genießen, anstatt das Tempo etwas zu steigern.

          „Someone Saved My Life Tonight“

          Das ließe Elton John aber auch nicht zu, ist er doch der Star, der seinen sechs Mitmusikern in der Dramaturgie des Abends nicht zu früh zu viel Auslauf gewähren möchte. Etwa zur Mitte des Konzerts ist es aber dann doch so weit. Nach dem formidablen „Someone Saved My Life Tonight“, das Elton John als eines seiner Lieblingslieder ankündigt, folgt mit „Levon“ eine weitere Siebziger-Perle, die in einen langen Jam mündet, in dem nicht nur Elton John beweist, dass er immer noch den Boogie beherrscht, sondern auch Keyboarder Kim Bullard vorführen darf, was er an den Tasten kann, und Gitarrist John Jorgenson groß aufspielt.

          Nach diesem geradezu groovigen Intermezzo ausgerechnet die berühmt-berüchtigste aller Balladen, nämlich „Candle In The Wind“, anzustimmen, mutet nur für einen Moment absurd an, beweist Elton John doch mit diesem Gegensatz, welche Bandbreite an Emotionen er mit seinen Songs abzudecken versteht. Falls da jemand noch keinen Kloß im Hals verspürt, hat Elton John, der sich zwischendurch auch mal einen Kostümwechsel gönnt, natürlich weitere Munition, um den Abschied schwer zu gestalten. Den einen rührt seine Ansprache vor „Believe“ für billigere Aids-Medikamente in der Welt und die Forderung nach mehr Liebe und Zusammenhalt, die anderen sein Dank ans Publikum, dem er seine Hymne für die Ewigkeit, „Your Song“, widmet, bevor er sich mit „Goodbye Yellow Brick Road“ endgültig verabschiedet. Bedauerlich.

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