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Oper in steirischer Scheune : Kleist mit E-Gitarre und Orgel

  • -Aktualisiert am

Von links nach rechts: Clara Sabin, Stefan Jovanovic, Herbert Schwaiger Bild: Philipp Rirsch

Im steirischen Stadl an der Mur wurde Elisabeth Harniks Oper „Das Erdbeben in Chili“ uraufgeführt: in einer Scheune, mit Laien und Profis gemeinsam, fein ziseliert und doch stark.

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          Griessner Stadl? Was ist das, wo ist das? Ein österreichischer Geheimtipp. Rund 150 Kilometer südlich von Salzburg, in der Steiermark an der Grenze zu Kärnten, steht im Tal der Mur eine historische Scheune aus dem Jahr 1767, erbaut in traditioneller Handwerkskunst. Im Jahr 2015 wurde sie liebevoll nach alten Vorbildern restauriert und ist seitdem eine Kunstscheune, die Anita Winkler und Ferdinand Nagele mit einem neugegründeten Kunstverein zum Ort kultureller Ereignisse ausgebaut haben. Schon zweimal fanden hier Uraufführungen von Stücken von Elfriede Jelinek statt, in diesem Sommer haben die Veranstalter ein noch kühneres Projekt aufgelegt: eine neue Volksoper nach Heinrich von Kleists Novelle „Das Erdbeben in Chili“, geschrieben 1806. Ausgangspunkt ist das verheerende Erdbeben in St. Jago im Jahr 1647. Komposition: Elisabeth Harnik aus Graz; Libretto, Regie und Bühnenbild: Martin Kreidt aus Hamburg.

          „Heimat, Kunst, Radikal“, das sind die Themen, die der künstlerische Leiter Ferdinand Nagele aufgestellt hat, um in seinem Tal, in dem er aufgewachsen ist, neues Leben zu entfachen. Der Bezug zur Heimat wird unterstrichen, indem immer Laien aus der Umgebung an den Produktionen beteiligt sind, Kunst darf kein elitäres Ghetto sein, sondern soll sich öffnen in die gesamte Gesellschaft, und sie muss radikal sein, an die Wurzeln gehen und Traditionen freilegen. Das hat reizvolle Folgen, denn das Grenzüberschreitende ist das Paradigma aller Aufführungen. Da vermengen sich Blasmusik mit Neuer Musik, experimenteller Jazz mit Volksgesang, Tanz, Film und Gespräche miteinander.

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          Heuer, würde der Österreicher sagen, ist der Höhepunkt die Oper, zugeschnitten auf die besonderen Bedingungen des Ortes: Sechs Musiker (Kontrabass, Flöte, E-Gitarre, Akkordeon, Portativ – eine tragbare Orgel – und Schlagzeug). Drei der Musiker kommen aus dem Grazer Ensemble Schallfeld, die anderen sind Laien. Die Bühne, die längs durch den Zuschauerraum gelegt ist, beleben zwei Sängerinnen und zwei Sänger. Sie verkörpern das Paar Josephe und Jeronimo, die durch ihre verbotene Liebe und die Zeugung eines Kindes das Unheil in Gang setzen, und das Paar Don Fernando und Donna Elvire, die ihnen zur Seite stehen. Auch diesmal zwei Profis, zwei Laien. Bei so schmaler Besetzung ist Rollentausch vorgesehen, es gibt auch keinen eigenen Chor, sondern die Musiker und Musikerinnen sprechen die Chorpassagen, was auch nicht zu ihrem natürlichen Handwerk gehört. Alle sind also herausgefordert, diese unerhörte Geschichte von Sündenfall, Erdbeben, Selbstmord, Hinrichtung, Rettung und zum Schluss doch Vernichtung lebendig und spannungsreich in Szene zu setzen.

          Was bei Kleist sich wie ein vermeintliches Wunder entwickelt, geschieht auch im Verlauf dieser kammermusikalischen Oper – durch geschickte Tempi-Wechsel, Dehnungen und Verdichtungen, besondere Musik-Akzente, zum Beispiel wenn die Nacht nach dem Erdbeben in dem idyllischen Tal von einem zarten Kontrabass-Solo begleitet wird oder der rasende, blutrünstige Mob, der Rache an den Schuldigen fordert und auch ausübt, durch aufgeregte, verstörende Schlagzeugeinsätze begleitet wird. Musik und Bühnengeschehen übertönen einander nie, konkurrieren nicht, sondern loten die Spannung im Raum differenziert aus. Dabei hatte das Ensemble nur drei Wochen Zeit, zueinander zu finden. Im Anfangschor, wenn die Musiker streng nach Kleist den Anfang der Novelle skandieren, ist die Textverständlichkeit noch unausgewogen, etwas holprig, aber im Verlaufe des Spiels gewinnen alle an Sicherheit und Präzision, finden in ihre Rollen bis zur Brillanz. Das Publikum, etwa hundert Leute in der Scheune, wurde in Atem gehalten und verfolgte mit hoher Aufmerksamkeit das grausige Geschehen.

          Im Jahr 2018 verabschiedeten sich Jossi Wieler und Sergo Morabito von der Stuttgarter Staatsoper mit einem Kompositionsauftrag über das „Erdbeben in Chili“ an den japanischen Komponisten To­shio Hosokawa, das Libretto hatte der Büchnerpreisträger Marcel Beyer verfasst. Hier eine Oper mit der ganzen Maschinerie und Ausstattung eines Großen Hauses, im Griessner Stadl nur eine minimalistische, dafür aber fein ziselierte Form. Vergleichbar ist die Textgrundlage. Marcel Beyer hatte die Novelle weiter­gesponnen, sie sprachlich in die Gegenwart versetzt und expressionistisch aufgeladen. Martin Kreidt, der Librettist und Regisseur im Griessner Stadl, vertraut ganz dem kleistschen Original. Sein Li­bretto verdichtet die Novelle ohne ein Wort der Hinzufügung. Der Respekt vor dem Altmeister Kleist tut wohl, denn die Ambivalenzen, das Nüchterne und das Ungeheuerliche, hat Kleist so einzigartig in Sprache gesetzt, dass Aktualisierungen, wie sie Marcel Beyer vorgenommen hat, wie Frevel anmuten.

          Musikalisch findet auch die Komponistin Elisabeth Harnik eine angemessene Sprache. Für die Sänger arbeitet sie mit der Obertonreihe, um sowohl stimmlich die Partitur vor allem für die Laien bewältigbar zu machen, als auch verschiedene Valeurs in die neue Musik zu flechten. Portativ und Akkordeon setzen eigenwillige Klangspuren, die übrigen Instrumente ranken sich geschmeidig um den Text oder schwingen sich zu atemraubenden Höhepunkten auf.

          Von heute an bis zum 25.August ist “Das Erdbeben in Chili“ von fünf weitere Male zu sehen.

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