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Theaterstück zur Ibiza-Affäre : Sie sagen wenig, aber grinsen viel

  • -Aktualisiert am

„Ach Du Jemine“: Safira Robens und Martin Wuttke in Robert Borgmanns Inszenierung von Jelineks „Schwarzwasser“ Bild: Matthias Horn

Empörung in Textform gegossen: Elfriede Jelineks neues Stück „Schwarzwasser“ beschäftigt sich auf skurrile Weise mit den politischen Absurditäten rund um die Ibiza-Affäre.

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          Elfriede Jelinek ist empört. Und das nicht zu unrecht. Gibt sich doch ein aalglatter, dem Narzissmus nicht abholder Studienabbrecher als Politiker aus und wird zum wiederholten Male von einem offenbar an Politik gänzlich desinteressierten ehemaligen Wirtschaftsprofessor, nunmehr Bundespräsident, in der Hofburg zum Kanzler der Republik ernannt. Versuchten doch zwei mittlerweile Ex-Politiker – einer davon wohl schon bald Ex-Ex-Politiker – in einem insularen Luxusferiendomizil mit Angeboten von lohnenden Staatsaufträgen und Verkauf von Allgemeingut, sobald sie in Ämtern und Würden wären, Parteispenden von vorgeblichen russischen Oligarchennichten zu ergaunern. Aber sie waren damals ja gar nicht in der Position, das auch umzusetzen, sagen die ach so unabhängigen Justizbehörden und stellen die Ermittlungen ein. Nimmt doch die Polizeibrutalität in Österreich, selbst gegenüber harmlosen Demonstranten für den Klimaschutz, zu. Wofür ausnahmsweise einmal Polizisten sogar kürzlich gerichtlich belangt wurden. Aber da war die Empörung von Elfriede Jelinek schon in Textform gegossen.

          Ermüdend-Witziges Wortkonvolut

          Wer ihre Texte der jüngeren Zeit kennt, weiß zwar, in welcher Mischung aus Spitzfindigkeiten und kalauernder Banalität sie auch den sonst stumm Bleibenden eine Stimme verleiht, aber diese Stimme ist nicht so leicht verständlich. Also lässt sie ihre Texte los. „Schwarzwasser“, Jelineks jüngstes ermüdend-witziges Wortkonvolut, kam daher, wie seit Langem üblich in Abwesenheit der Nobelpreisträgerin, im Akademietheater unter der Regie von Robert Borgmann zur Uraufführung. Er ist gewiss keine schlechte Wahl, feierte selbiger doch hier im Jahre 2014 mit Ewald Palmetshofers „die unverheiratete“ einen bemerkenswerten Inszenierungserfolg. Einen direkten Vergleich mit etwaigen künftigen „Schwarzwasser“-Abenden wird man allerdings kaum je bekommen, entschied Borgmann doch zusammen mit der Dramaturgin Sabrina Zwach, aus dem dichten, in gedruckter Form etwa sechzigseitigen Werk knapp um die drei Stunden Aufführungsstoff zu destillieren.

          Das Bühnenbild, ebenfalls von Borgmann kreiert, besteht zuvörderst aus einem roten Samtvorhang, der sich bereits vor Beginn der Aufführung unter seltsamem Lichtgefackel und abgehackten Musikeinspielungen hebt und senkt und hebt und senkt. Dazwischen huschen schon, mit streng zurückgegelter, üppiger Bubikopfperücke und eng sitzendem, glänzendem Anzug als Kanzlerdoubles (auf die sonst von Kritikern gern angesprochenen Ohren gehen weder Jelinek noch die Inszenierung ein – wäre wohl auch ein zu billiger Witz) ausstaffiert, Christoph Luser und Felix Kammerer durch die Publikumsreihen, posieren hier und da für „Selfies“, sagen wenig, grinsen viel. Bald kehrt, zumindest was Vorhang und Publikumsbeteiligung betrifft, dann doch Ruhe ein und auf der - und direkt im Orchesterraum unterhalb der - Bühne beginnt – tja, was eigentlich?

          Martin Wuttke, da noch im Frack und mit merkwürdig gescheiteltem Toupet, erzählt ein Märchen. Caroline Peters, erst in schwarzer, linksschulterfreier Abendrobe mit rotem Plissée, dann in rosa Gorillakostüm, aus dem sie sich (verständlicherweise) jedoch bald wieder herausschält, trägt ebenfalls Textstücke vor: über den als Heiland, nein, als Gott verehrten Regierungschef. Und dann kommen als ebendessen Wiedergänger noch Kammerer und Luser dazu und zerstören, in trauter Einheit mit dem wunderbar und ständig das Kostüm wechselnden Chorensemble, das zuvor auf eigenen Sesselreihen im Chorraum gelauert hatte, unter der Parole „eintritt macht frei“ die Sperrholzplattenrückwand.

          Die Überwältigung gelingt

          Es ist gar nicht nötig, auf die restlichen Umbauten, etwa den bühnenschneebefüllten Glaskasten oder die aufwendigen, fröhlichen und rätselhaften Kostümierungen (Bettina Werner) – eine ganze Szene verbringen die Darsteller als Modelle für ein Velázquez-Gemälde, während Wuttke den Maler mimt – näher einzugehen. Denn die Überwältigung gelingt. Mag sein, weil die Auftritte so sinnlos wirken, dass man versucht, umso genauer auf den Text zu hören.

          Mag auch sein, dass man - zumindest als Einheimischer - viele Anspielungen auf aktuelle, nicht nur aber hauptsächlich, demokratiepolitische Skandale erkennt. Wobei sogar eine kurze Filmeinspielung eine globale Dimension eröffnet – von der Türkei bis Brasilien, von den Brexitfeiern in London zum Auftritt und der Segnung des Studienabbrechers im Stimmbruch bei einer evangelikalen Großveranstaltung aus dem Vorjahr in der Wiener Stadthalle. Sei es, wie es sei, diese „Schwarzwasser“-Inszenierung bietet skurrilste Unterhaltung, fordert das Ensemble in höchstem Maße, treibt es, zugegebenermaßen, weniger schauspielerisch als verkleidungstechnisch und memorierkünstlerisch, zu Spitzenleistungen. Das gibt zumindest wieder ein bisschen Hoffnung für den Rest dieser Burgtheater-Spielzeit.

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