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Elfriede Jelineks „FaustIn and out“ in München : Das Weib regiert, indem es redet

Die Infantin von Niederösterreich: Birgit Minnichmayr in der Titelrolle in Johan Simons’ Münchner Jelinek-Inszenierung Bild: Thomas Dashuber

Josef Fritzl als Wiedergänger von Goethes „Faust“: Am Münchner Residenztheater wird Elfriede Jelineks „FaustIn and out“ in der Inszenierung von Johan Simons gespielt. Archaische Wucht lässt sich dem Stück nicht absprechen.

          Drei Wochen liegt die Premiere der Neuinszenierung von Goethes „Faust“ am Münchener Residenztheater zurück, da folgt, ebenfalls am Resi, allerdings an der Spielstätte Cuvilliéstheater, Elfriede Jelineks Sekundärdrama „FaustIn and out“, das nach dem Willen der Autorin parallel zum Klassiker gespielt werden soll, weil es dessen Echowellen in unserer Welt vergegenwärtige: Der alternde Erfolgsmensch verführt weiterhin mit Vorliebe Minderjährige und richtet sie zugrunde, besonders radikal der niederösterreichische Geschäftsmann Josef Fritzl, der die eigene Tochter als Sexsklavin einmauerte.

          Kerstin Holm

          Redakteurin im Feuilleton.

          Vielleicht liegt es an der horrenden Nähe dieses Urfaust-Wiedergängers, dass nach einem vampiristisch-schwarzhumorigen „Faust“ von Residenztheaterchef Martin Kusej die „FaustIn“, die der scheidende Intendant der Kammerspiele, Johan Simons, auf die gegenüber gelegene Bühne brachte, zugleich frischer und monumentaler geriet als das Primärstück. Vielleicht liegt es auch daran, dass Simons, abweichend von der bisherigen Inszenierungspraxis des zwei Jahre jungen Stückes, es nicht in keif-kabarettistische Wortkaskaden mehrerer Darstellerinnen umsetzt, sondern auffasst als archetypische Auseinandersetzung zwischen Mann und Frau.

          In der Stimme der Chor

          Den männlichen Geist und Fausts weibliche Hälfte verkörpern der imposante Oliver Nägele und die mädchenhafte blonde Birgit Minichmayr mit ihrem schönen niederösterreichischen Akzent. Simons steckt das hochklassige Duo in benachbarte Gefängniszellen. Ausstatterin Muriel Gerstner hat den gesamten Bühnenraum mit einer Kerkerwand verbaut, mit zwei erhöhten Bodenfensterausschnitten darin. Laut einer verwitterten Mauerinschrift reanimiert die alte Geschichte auch eine ganz alte, die der antiken Fruchtbarkeitsgöttin Persephone, die der Herr der Unterwelt kidnappte und so zur Ehe zwang.

          Jelinek nennt ihre Rollen Einpersonenchöre, aus ihnen spricht ein kollektives Bewusstseinskontinuum. Ihr von Simons auf die Hälfte gestraffter Text hebt an mit dem Originalanfang, der höchst vergnüglichen Suada über die Kunst, mit den Frauen zurechtzukommen. Der massige Nägele, der im gelockerten Smoking samt Fliege aussieht wie ein Promi nach der Abendparty, gibt seine Kommentare zu den Therapietipps des Mephisto als genervtes Opfer des Feminismus. Sein Geist hat sich ja schon das die Frauen inkludierende Suffix „In“ ankleben müssen! Die Weiber, weiß er, reden unaufhörlich über ihre Wehwehchen, ihre Traumata, um dann einem hergelaufenen Gott in Weiß, der die Medizin mit heißer Müh’ studiert hat, ihre intimsten Geheimnisse zu eröffnen. Das Weib regiert, indem es redet, weshalb für die hässlichen Weiber die Politik erfunden wurde, verrät der Redefluss des Mannes, den zwischendurch verräterisch koitale Bewegungsimpulse heimsuchen. Das Publikum lacht voller Mitgefühl.

          Nicht ohne Heidegger-Kalauer

          Im Kerkerfenster neben ihm sitzt und schweigt das Gegenmodell hierzu. Kostümbildnerin Anja Rabes hat der Heldin die Frisur und das sonnenhelle, breitschößige, schleifengeschmückte Korsettkleid von Velázquez’ Habsburger-Infantin auf seinem Gemälde „Las Meninas“ verpasst, eine goldseidene Zwangsjacke. Zugleich hockt, steht, gestikuliert ihre Figur oft in seltsam verrenkten Haltungen, in denen man Posen der sexuellen Dulderin erkennt, so dass sie oft auch Velazquez’ deformierte Hofnärrinnen in Erinnerung bringt. Das malträtierte Ideal gehört ganz dem Vater, Schöpfer, Ernährer und Kerkermeister, der ihr jene Irrwege des Lebens erspart, die er selbst bis zur Neige auskostet. Ihre Welt besteht nur aus Innen, das sich schizophren spaltet in eine inzestuöse Dreifaltigkeit, weil sie als Tochter des Vaters zugleich Mutter von Geschwistern wird, also zugleich Schwester der eigenen Kinder ist. Als ihre monologische Endlosschleife nach Sinn und Sein fragt, verheddert die Figur sich in wunderbare Heidegger-Kalauer.

          Der nahezu zweistündige, pausenfreie Abend lebt von der Meisterschaft, mit welcher die Schauspieler Elfriede Jelineks Textflächen als körperlich erfahrene Rede darstellen. Prachtvoll Nägeles jupiterhaft sonore Artikulation, der verachtungsvolle Hochmut, womit er seine überreifen Leibesmassen auch mal aus dem Smoking rutschen lässt. Nicht weniger eindrucksvoll die Intensität der Minichmayr, deren Figur aus lauter Ausweglosigkeit an Gott zu glauben versucht, sich selbst verurteilt und dadurch hoheitlich bleibt. Verdienter Jubel für das antipodische Paar.

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