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Jelinek-Stück „Lärm“ : Aus diesem Loch kommt die Krankheit

Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde sehen!“ am Schauspielhaus in Hamburg. Von links nach rechts: Eva Mattes, Jan-Peter Kampwirth, Ernst Stötzner, Lars Rudolph, Angelika Richter, Maximilian Scheidt, Josefine Israel Bild: Matthias Horn

Elfriede Jelineks neues Stück „Lärm“ ist ein Drama über das Stimmengewirr der Pandemie. Aber es ist nicht das Stück der Stunde.

          7 Min.

          Elfriede Jelinek hat ein Theaterstück über die Pandemie geschrieben: „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“. Oder vielleicht muss man sagen: Sie hat es doch geschrieben. Denn als vor etwas mehr als einem Jahr die Wochenzeitung Die Zeit Künstlerinnen, Autoren, Regisseure und Musiker nach Werkstattberichten fragte und wissen wollte, woran sie in Zeiten der Pandemie arbeiteten, antworteten die unterschiedlichsten Kulturschaffenden alles Mögliche – und ganz am Ende der Umfrage stand: „Elfriede Jelinek macht es kurz: ,Ich arbeite an überhaupt nichts.‘“

          Julia Encke
          Verantwortliche Redakteurin für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Der Nobelpreisträgerin brachte das große Sympathien ein. Der Satz wurde abfotografiert, in den sozialen Medien geteilt und zitiert, und das nicht nur, weil er nach den zum Teil langen Ausführungen der anderen witzig war, sondern weil Jelinek mit ihrer Antwort – in der zugleich die Verweigerung einer Antwort steckte – eine Unterbrechung herstellte. Ein Innehalten in einem Moment, in dem aufgrund der damals noch neuen Corona-Pandemie plötzlich Selbstverständlichkeiten des gesellschaftlichen Zusammenlebens infrage standen und in einer täglich spürbar sich verändernden Wirklichkeit auch für die künstlerische Produktion nicht klar war, ob man einfach so weitermachen konnte wie vorher.

          Ohne Unterbrechung

          Die Künstlerin Hito Steyerl, deren bislang größte Werkschau gerade im Pariser Centre Pompidou zu sehen ist, antwortete auf dieselbe Frage damals genau gegenläufig. Für sie gab es überhaupt keine Unterbrechung, sie wollte auch keine erzeugen: „Ich arbeite an denselben Themen wie vorher“, sagte sie. „Die sind ja wegen Covid-19 nicht verschwunden, sondern werden zusätzlich intensiviert: soziale Ungleichheit, Überwachung, Automatisierung durch Digitalisierung und KI, Rassismus, Kunstwelt in der Krise. Der Kulturbereich drängt derzeit ins Virtuelle, als gäbe es da was zu kolonisieren: Tatsächlich wird das für viele ein Schritt zur freiwilligen Selbsteinsparung. Theater, Museen, Bibliotheken, der Bildungsbereich: Der öffentliche Raum schlechthin darf nicht in die gated communities digitaler Plattformen verschoben werden, auch nicht unter Sparzwang.“

          In gewisser Weise artikulierten sich in dieser Gegenläufigkeit die zentralen Fragen für die künstlerische Produktion in Zeiten der Pandemie. War diese Pandemie – neben den mit ihr verbundenen oft dramatischen wirtschaftlichen Einbußen – eine grundsätzlich neue Erfahrung, die auch nach neuen künstlerischen Mitteln verlangte? Gab es auf sie überhaupt eine produktive Antwort oder erst mal nur Lähmung und Schweigen? Oder verstärkte sie das, was an Problemen ohnehin schon da war, sodass man auch künstlerisch einfach weitermachen konnte, mit vielleicht krasseren, aber nicht völlig anderen ästhetischen Mitteln?

          Tönnies, Ischgl, Lockdown

          Elfriede Jelinek arbeitete dann also doch weiter und schrieb jenes Stück, das am vergangenen Wochenende in der Regie von Karin Beier am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg uraufgeführt wurde. Es ist – als geschriebener Text – ein Monolog über Corona, Lockdown, Tierhaltung, Tönnies, Ischgl, Politik, Verschwörungstheorien und Corona-Leugner, mit dem Jelinek das Gerede der anderen einfängt: „Hören Sie mir beim Nachreden zu. Ich kann nichts erklären, was nicht andre schon erklärt haben. Ich kann kein Verhalten zeigen, aus dem man etwas erkennen könnte“, heißen die ersten Sätze des Textes. „Sie werden nie entscheiden können, was ich ursprünglich geschöpft, erfahren, errungen habe und was abgeschrieben und nachgeredet ist. Ich drehe das Licht an, schlage die Zeitung auf und schreibe sie ab.“ Und man stellt fest: Alles wie immer bei Elfriede Jelinek.

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