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Mendelssohn-Festtage Leipzig : Schmerzlich helles Glück

Musik zur Sterbestunde an Mendelssohns Todestag in seinem Haus: Elena Bashkirova am Klavier, Mojca Erdmann singend, Martina Gedeck lesend Bild: Gert Mothes

Nach dem Tod von Kurt Masur riss die Tradition der Mendelssohn-Festtage in Leipzig ab. Jetzt erfährt sie durch Elena Bashkirova und Andris Nelsons eine eindrucksvolle Neubelebung.

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          Elena Bashkirova lacht, doch ihr Lachen ist salonfähig sublimierte Wut: „Was ist das für eine Welt, in der wir leben?!“, ruft sie aus, als wir uns an diesem pitschnassen Novembermorgen in Leipzig unterhalten. „Da marschieren die Leute scharenweise mit ihren Selfie-Sticks in die Museen und fotografieren sich an jeder Ecke. Sich, sich, sich! Die Welt um sie herum ist völlig egal. Ihr Blick richtet sich immer nur auf sich selbst und das, womit sich auf Instagram am besten angeben lässt. Und wissen Sie, was das Schlimme, das wirklich Schlimme daran ist?“, fragt die Pianistin, die nun zu lachen aufgehört hat. „Der völlig verstümmelte Begriff von Freiheit. Freiheit ist für diese Menschen immer nur die Freiheit der Selbstdarstellung. Es ist eine Freiheit ohne Zuwendung, ohne Gestaltungswillen und ohne Verantwortung.“

          Jan Brachmann
          Redakteur im Feuilleton.

          Bashkirova ist zur neuen Präsidentin der Stiftung Mendelssohn-Haus in Leipzig berufen worden. „Ich bekam eines Tages einen Brief auf besonderem Papier in einem feinen Umschlag, sodass ich gleich sah: Das ist keine Rechnung“, scherzt sie. Der Brief stammte von zwei Männern, die sich um das Musikleben in Leipzig verdient gemacht haben: Burkhard Jung und Jürgen Ernst. Jung ist seit 2006 Oberbürgermeister, ein ehemaliger Religionslehrer, der früher den Tag damit begann, dass er mit seinen Schülern sang und sie auf der Gitarre begleitete. Er arbeitet gezielt an der Aus­weitung des Selbstverständnisses Leipzigs von der „Bach-Stadt“ zur „Musikstadt“. Im September dieses Jahres hatte es zum ersten Mal ein Kammermusikfest in den Musikerhäusern der Stadt gegeben: der ersten gemeinsamen Wohnung von Clara und Robert Schumann, der Edvard-Grieg-Begegnungsstätte und im Sterbehaus von Felix Mendelssohn Bartholdy, der hier von 1835 bis 1847 Gewandhauskapellmeister war und das Konservatorium gründete.

          Jürgen Ernst ist der Gründungsdirektor des Mendelssohn-Hauses, das durch Kurt Masur dem Vergessen wie dem Verfall entrissen worden war. Ernst betrieb mit Schläue und Leidenschaft, mit Ausdauer und Sachkenntnis die politische wie wirtschaftliche Absicherung der Institution und den Ausbau des Museums auf mittlerweile drei Etagen. Doch nun macht das Mendelssohn-Haus einen personellen Umbruch durch: Ernst ging in den Ruhestand; Patrick Schmeing übernahm im April 2021 die Verantwortung für das Haus. Doch in besagtem Brief hatten Ernst und Jung zuvor noch Elena Bashkirova gebeten, als Präsidentin der Stiftung die Nachfolge des im Dezember 2015 verstorbenen Kurt Masur anzutreten. Denn Masur hatte dank seiner künstlerischen Kontakte als Dirigent auch die Mendelssohn-Festtage in Leipzig gestalten können. Deren Folge riss 2016 ab; es fehlte eine strahlkräftige Persönlichkeit mit internationalen Beziehungen und künstlerischen Ideen.

          Nun vollzieht sich in Leipzig ein Neuanfang. Bashkirova, die seit Jahrzehnten das Jerusalem Chamber Music Festival leitet, hat längst eine große Kammermusikfamilie um sich geschart. Und so singt Mojca Erdmann mit ihrem silberhellen Sopran im Salon der Mendelssohn-Wohnung, von Bashkirova kristallin am hellen, aus Kirschbaumholz gefertigten Flügel begleitet, Lieder von Felix Mendelssohn Bartholdy und dessen Schwester Fanny Hensel. Hensels Lieder wirken dabei kühner und moderner als jene von Mendelssohn Bartholdy. Ihre „Mainacht“ mit überraschenden Akkorden, die einem das Herz wegrutschen lassen, und einer melodisch weit ausschwingenden Flamboyance nimmt den frühen Richard Strauss mit einem Mut vorweg, dass man fast erschrickt über diesen Weitsprung durch fünfzig Jahre Musikgeschichte.

          Dazu liest Martina Gedeck eine sorgfältig von ihr selbst getroffene Auswahl der Briefe von Bruder und Schwester: mit fast fiebriger Intensität in der Stimme, emphatisch, doch stilisiert, ganz wie diese Briefe es in ihrer inszenierten, auf das Vorlesen im familiären Salon hin berechneten Spontaneität auch sind. Da schreibt die fünfunddreißigjährige Fanny über „das wehmüthige Nebengefühl von der Vergänglichkeit aller schönen Zeit“, um auszurufen: „Ach wie schön ist das Leben! Wie schade, daß mans alle Tage mehr abnutzt“ – und dann hört man diese Musik von schmerzlich-heller Glücksintensität, räumlich so nah zur Sängerin und zum Flügel in diesem Salon, dass einem Haut und Knochen mitvibrieren, verbunden über das „historische Parkett“, von dem Patrick Schmeing spricht, die Dielen, über die Mendelssohn einst selbst ging. Es ist ein authentischer Ort, der kostbare Kontinuität herzustellen vermag in einem Land, das durch Krieg und Totalitarismus in seinem Verhältnis zur Überlieferung gründlich zerrüttet wurde.

          Da schaut man nun in der Goldschmidtstraße 12 in das Zimmer, in dem Mendelssohn 1846 sein Oratorium „Elias“ schrieb, um es eine halbe Stunde später im Gewandhaus mit dem MDR­Rundfunkchor und dem Gewandhausorchester unter der Leitung von Mendelssohns Nachfolger Andris Nelsons hören zu können. Dabei gelingt Nelsons in seiner Fähigkeit zur Konzentration wie zum Zuhören etwas Besonderes: Er legt auf der klanglichen Ebene eine Theologie der Gnade und der Offenbarung frei, die sich menschlichem Handeln entziehen. Gewiss, das Drama des Propheten Elias wird hier aufwühlend inszeniert, nicht zuletzt durch einen großartigen Andrè Schuen, der von charismatischer Rhetorik bis zu einsamer Zermürbtheit stimmlich alle Register zieht. Doch der Höhepunkt ist still: der Chor „Wer bis ans Ende beharrt, der wird selig“, von jenseitiger Sanftheit, mystischen Mischungen zwischen Chor, Klarinetten, Streichern und unfassbar leisen, aber tiefen Orgelbässen. Musik, die über alle Pracht und allen Eifer erhaben ist.

          Elena Bashkirova und auch Rolando Villazón, der am Nachmittag zu einem lebhaften Salongespräch über Einsamkeit angereist war, kommen beseelt aus der Aufführung. Und Bashkirova schwärmt: „Mendelssohn war großzügig, selbstkritisch, europäisch gebildet und seinen Mitmenschen zugewandt – in allem also das Gegenteil zur Selfie-Kultur von heute.“

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