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Klassik oder neuere Musik? : Es geht darum, wer den Ton angibt

Mit dem Street-Art-Fries „¡Viva Beethoven!“ – als Teil einer großen Werbekampagne, versuchte die Elbphilharmonie in Hamburg, dem Druck der Straße zu begegnen Bild: Pascal Kerouche

Immer wieder wird behauptet, das Publikum für klassische Musik schrumpfe, doch das ist falsch. Noch nie haben so viele Menschen „Hochkultur-Musik“ gehört wie heute. Aber nie zuvor mussten sie sich dafür so sehr rechtfertigen.

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          Während man in München beschlossen hat, die Nasszellenakustik des Gasteigs den Orchestern wie dem Publikum noch bis 2020 zuzumuten, gönnen sich andere deutsche Städte neue Konzertsäle: Am 27. Oktober wird in Bochum das Anneliese-Borst-Musikforum Ruhr eröffnet. Am 11. Januar 2017 folgt die Elbphilharmonie in Hamburg, Anfang März der Pierre-Boulez-Saal der Barenboim-Said-Akademie in Berlin und Ende April der neue Konzertsaal im Kulturpalast Dresden. Aber gibt es überhaupt noch ein Publikum, das solche Säle füllt? Werden hier etwa, aus reiner Renommiersucht, künstlich Angebote geschaffen, für die kein echter Bedarf mehr besteht?

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Entgegen weitverbreiteten Legenden und antrainierten Alarmreflexen sieht es mit dem Publikum für klassische Musik in Deutschland nicht so schlecht aus. Die Summentabellen des Deutschen Bühnenvereins und die Statistiken des Deutschen Musikinformationszentrums geben darüber recht verlässlich Auskunft. So öde die Zahlen auch sein mögen, der Blick auf sie rückt manches zurecht. Die Orchester sind nämlich die großen Gewinner der Branche. Allenfalls um die Musiktheater sollte man sich Sorgen machen.

          Die Zahl der Opernbesucher in Deutschland ist zwischen 2005 und 2013 von jährlich 4,5 auf 3,9 Millionen Menschen gesunken. Im Jahrbuch Kulturmanagement 2012 (transcript Verlag Bielefeld) findet man für das Jahr 1991/92 bundesweit noch die Zahl von 7,5 Millionen für sämtliche Musiktheater. Setzt man sie in Bezug zu den 3,9 Millionen für 2013, so wäre das ein Einbruch um 3,6 Millionen Besucher im Vierteljahrhundert, also ein Verlust von knapp fünfzig Prozent. Das ist in der Kulturpolitik kein Geheimnis, die jährlichen Zuwendungsberichte der Länder und Kommunen sind in der Regel öffentlich einsehbar. Jedoch: Im Gegenzug stieg die Zahl der Gäste von Orchesterkonzerten zwischen 2005 und 2013 von 3,9 auf knapp 5,2 Millionen an. Der Deutsche Bühnenverein verzeichnet für die Spielzeit 2013/2014 bei den 130 erfassten Kulturorchestern einen Anstieg der Veranstaltungen um einhundert Konzerte und einen Zuwachs von mehr als 63 000 Besuchern im Vergleich zur Vorsaison.

          „Höchste Auslastung bei Konzerten“

          Lokal gesehen, können sich solche Trends gewiss auch umkehren. Die Komische Oper Berlin beispielsweise ist laut offiziell verlautbarten Auslastungszahlen mächtig im Aufwind, seit Barrie Kosky die Intendanz von Andreas Homoki übernahm. Auch am Opernhaus Dortmund haben sich die Besucherzahlen in den ersten drei Jahren der Intendanz von Jens-Daniel Herzog verdoppelt, nachdem die Auslastung unter seiner Vorgängerin Christine Mielitz teils unter fünfzig Prozent gefallen war. Doch im großen Ganzen zeichnet sich das Bild ab: Die Instrumentalmusik gewinnt, das Musiktheater verliert.

          Elbphilharmonie in Hamburg

          Mit einem Umschwung des musikalischen Interesses oder einem Überdruss am Regietheater hat das nur zum Teil zu tun. Man darf nicht vergessen, dass dieser Schwund auch aus einem reduzierten Angebot folgt. Besonders in den östlichen Bundesländern sind nach 1991 durch Fusionen und Schließungen Bühnen verschwunden, selbst in großen Städten werden Opern nur die halbe Woche lang bespielt. Im ersten Jahrzehnt nach 2000 brach die Zahl der Opernvorstellungen in Deutschland um 13 Prozent ein, während die Orchester, besonders bei den Rundfunkanstalten, ihre Konzertzahlen erhöht haben. Geschadet hat das den Orchestern nicht, die Auslastungen blieben in der Regel stabil.

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