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Bachhaus Eisenach : Altes Testament und neue Medien

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Erstdruck von Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ aus dem Jahr 1801 Bild: Bachhaus Eisenach

Vor dreihundert Jahren veröffentlichte Johann Sebastian Bach „Das wohltemperierte Klavier“. Ein Ausstellung im Bachhaus Eisenach erinnert auch daran, wo die Arbeit begann: im Knast.

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          Fast schon fünfzig Jahre, seit 1973, kann man im Eisenacher Bachhaus täglich Livemusik hören: ein kleines Konzert zu jeder Stunde, manchmal auch zwei. Aktuell werden fünf historische Tasteninstrumente aus dem achtzehnten Jahrhundert bespielt, und neben engagierten Musikern für diese kleine Klang-Schatztruhe braucht man dafür auch Stücke, die in wenigen Minuten viel zu sagen vermögen: über Johann Sebastian Bach, über die Klang- und Empfindungswelt seiner Zeit und vielleicht sogar ein wenig über uns selbst. Weil aber JSB für fast alle Anforderungen, die einem im Leben begegnen können, passende Musik komponiert hat, finden sich auch diese schnell, zum Beispiel in den 48 Präludien und Fugen der beiden Teile seines „Wohltemperierten Claviers“, die alles liefern, was man sich bei solchen Gelegenheiten nur wünschen mag – polyphone Artistik und Ausdruckstiefe, lakonische Prägnanz und epische Weite. Entsprechend gern werden sie an diesem lebendigen Gedenkort unter die Finger genommen.

          Natürlich nicht nur da. Der enzyklopädische Doppelmarathon durch alle Dur- und Moll-Tonarten – Hans von Bülow nannte ihn „das Alte Testament“ des Klavierspiels – gehört zu den wenigen Bach-Werken, die im Bewusstsein der musikalischen Öffentlichkeit immer präsent geblieben sind. Das galt, mehr noch als für die in Bachs letztem Lebensjahrzehnt nachgereichte Aufstockung, für den ersten Teil des „WK“, der ausweislich seines Autograph-Titelblatts 1722 in Köthen vollendet wurde und damit aktuell sein dreihundertstes Jubiläum feiert – für das Eisenacher Haus Ausgangspunkt einer Sonderausstellung, die es vermag, sowohl Bach-Einsteigern als auch Kennern der Materie in lockerer Weise Anregungen und Wissenszuwachs zu vermitteln.

          Das beginnt bereits mit dem Wort „wohltemperiert“, erstmals gebraucht 1681 durch den Organisten Andreas Werckmeister und bald mit einer Reihe von Vorschlägen hinterlegt, die es ermöglichen, in und durch alle 24 Tonarten zu modulieren. Dass der Begriff irgendetwas mit Instrumentenstimmungen zu tun hat, weiß man vielleicht gerade noch. Aber selten ist die vertrackte Materie so amüsant und dabei kompakt dargestellt worden wie in der fröhlichen Trickfilm-Präsentation der „buchstabenschubser“, wo sowohl „wohltemperierte“ Vollbäder als auch die bös heulenden „Wölfe“ älterer Stimmtechniken mitspielen. Die Potsdamer Kurzfilm-Animateure haben bereits öfter für das Bachhaus gearbeitet, wo der entspannte Umgang mit solchen Medien schon lange kein notfalls entbehrliches Extra mehr, sondern substanzieller Bestandteil des Ganzen ist.

          Weitere Wirkung im Kopf-und-Ohren-Kino

          So kann man auch in der neuen Ausstellung nicht nur erfahren, dass Johann Sebastian seinerzeit der zwar wirkmächtigste, aber längst nicht einzige Komponist war, der sich mit Werckmeisters Ideen auseinandersetzte, sondern dann an einer Experimentier-Tastatur gleich selbst verschiedene Stimmungsarten ausprobierte – wobei einem die modernste Variante, die die fatale Unreinheit des Quintenzirkels in unauffälligen Kleinstportiönchen gleichmäßig auf alle Intervalle der Tonleiter verteilt, fast ein wenig fad vorkommen will.

          Denn die jeweils ganz eigenen Affektfärbungen der einzelnen Tonarten sind zwar seit Bachs epochalem Doppelzyklus eine Art Emotionsmusterbuch allen Komponierens geworden – nur tatsächlich hören kann man sie etwa auf einem modernen, gleichstufig gestimmten Flügel nur noch imaginär. Trotzdem tun sie im Kopf-und-Ohren-Kino weiter Wirkung und verbinden sich mit seelischen Zuständen oder Farbvorstellungen, was die Ausstellung ebenfalls demonstriert – unter anderem daran, wie solche Assoziationen bis in die kommerzielle Verwertung hineinwirken: Schon eine Erstausgabe von 1801 präsentiert sich mit animierend chromgrünem Einband, und die Hüllen alter Platteneinspielungen nutzten gern Regenbogenspektren.

          Außerplanmäßiges Entweichen unmöglich

          So bunt ging es für den Künstler bei der Entstehung der Stücke wahrscheinlich nicht zu. Der Musiklexikograph Ernst Ludwig Gerber überliefert, Bach habe sein Wohltemperiertes Klavier „an einem Orte, wo ihm Unmuth, lange Weile und Mangel an jeder Art von musikalischen Instrumenten diesen Zeitvertreib abnöthigte“, begonnen. Womöglich also in jener kargen Landrichterstube in der Bastille am Weimarer Schloss, wo der unbotmäßige Komponist im Spätherbst 1717 einige Wochen interniert war, weil er ohne landesherrliche Erlaubnis mit seinem nächsten Arbeitgeber in Köthen angebandelt hatte. In der Eisenacher Schau wird das durch ein Gitterstab-Arrangement symbolisiert, an dem Kopfhörer hängen – wobei einem einige jener vielen späteren Bach-Kollegen von Mozart bis Loussier über die Schulter schauen, die den Zyklus für ihre eigene Arbeit adaptierten.

          Die Weimarer Knaststube selbst aber – ohne Gitterstäbe zwar, doch hoch genug gelegen, um ein außerplanmäßiges Entweichen unmöglich zu machen – gibt es ebenfalls noch, etwa zwanzig Quadratmeter groß und aktuell ziemlich derangiert, aber nach der anstehenden Sanierung des Gebäudes zukünftig vielleicht allgemein zugänglich. Der Fensterblick Richtung Innenstadt trifft heute zuerst auf das gegenüberliegende, populäre „Resi“-Café, und wahrscheinlich hatte auch Bach schon zeitweilig lebhaftes Gewimmel unter seiner Zelle. Ob etwas davon später in das erste Cis-Dur-Präludium einge­wandert ist?

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