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Premieren am Deutschen Theater : Seitensprung und Selbstjustiz

  • -Aktualisiert am

Bild: Arno Declair

Träume von der Freiheit: Neue Inszenierungen von Gerhart Hauptmanns „Einsame Menschen“ und Heinrich von Kleists „Michael Kohlhaas“ am Deutschen Theater Berlin.

          3 Min.

          In Gerhart Hauptmanns Stück „Einsame Menschen“ geht es vor allem darum, dass sich die Leute, die da „in einem Landhause zu Friedrichshagen bei Berlin“ zusammen sind, einfach nicht verstehen. Dabei ist es völlig egal, ob sie verwandt, verheiratet oder befreundet sind. Sie sind meistens nett zueinander, aber das bedeutet nicht viel. Und wenn unverhofft zwei wirklich ganz und gar miteinander harmonieren, folgen daraus gerade deswegen massive Probleme. In den Kammerspielen des Deutschen Theaters Berlin hat die Regisseurin Daniela Löffner dieses 1891 uraufgeführte Drama auf Herz und Nieren geprüft – und für gut befunden. Sie wollte ihm allerdings die Aktualität zurückgeben.

          Geschickt modernisiert

          Deshalb hat sie in ihrer geschickt modernisierten Fassung heutige Alltagssprache eingefügt, ein paar Rollenkorrekturen vorgenommen, Personen gestrichen, das Werk indes nicht anmaßend überschrieben, sondern empathisch und treffsicher neu justiert. Den Mittelpunkt bildet weiterhin Johannes Vockerat, der nun jedoch statt Gelehrter ein Schriftsteller ist (erst Bestseller, dann Schreibblockade) und vor kurzem Vater wurde. Er begreift seine zermürbte Frau Käthe nicht, die außer ihrer postnatalen Depression sowieso stets an dem Gefühl leidet, seinen Ansprüchen nicht genügen zu können.

          Johannes’ Mutter hilft ihnen mit dem Säugling und kapiert weder Sohn noch Schwiegertochter so genau, die wiederum oft von ihrer arg bodenständigen Art überfordert sind. Aus Johannes’ engem Vertrautem, dem Maler Braun, wird bei Löffner die Malerin Sophie Braun und aus der Studentin Anna Mahr der junge Stanford-Professor Arno Mahr (Spezialgebiet „Feministische Zukunftsforschung“). Er kennt Sophie von früher, besucht sie spontan und findet sie bei Vockerats. Johannes lädt ihn ein, entdeckt in ihm einen Geistesverwandten und verliebt sich zu seiner eigenen Überraschung leidenschaftlich in ihn. Mit grandioser Intensität trägt das Ensemble die kunstvolle Inszenierung, die in ihrer emotionalen Ungeschütztheit manchmal zwischen billiger Vorabendserie und gehobenem Kitsch balanciert, ohne freilich nach dahin oder dorthin abzustürzen.

          Der Seitensprung, der bereits bei Hauptmann ein Skandal war, ist nicht überholt, sondern kann sich hier als Eklat entfalten. Marcel Kohler, der egoman-täppische Johannes, und Enno Trebs, der weltläufig-gebildete Arno, spielen raffiniert mit dem Feuer – und landen in einer anrührenden Liebesszene mit Sex auf dem Esstisch, auf dem Boden, im Gummiboot. Dazu hebt sich der helle, raumhohe Vorhang, der die Bühne von Wolfgang Menardi – links eine Treppe zum Klavier, rechts eine zum Waschbecken – ringsherum säumte. Dahinter sitzen reglos die Frauen und schauen dem ungestümen Treiben perplex zu. Der Regen hat bei den Männern alle Hemmungen weggespült – bloß was, wenn er aufhört? Schon zuvor strömte albtraumhaft Wasser aus dem Waschbecken die Stufen hinab, ohne die Not von Käthe wegspülen zu können, die Linn Reusse souverän subtil als so gepeinigtes wie starkes, unterdrücktes wie unterwürfiges Luftwesen zeigt.

          Unerbittliches Theaterfest

          Die hinreißend komische Judith Hofmann als resolute Mutter beschwert sich einmal, dass man auf dem glatten Boden im Haus dauernd auszurutschen droht – was stimmt, auch im übertragenen Sinne. Offen wie beschämt beobachtet die libertine Sophie – bei Franziska Machens eine typische Galeriehyäne mit spitzer Zunge – die Ehekrise. Käthe aber ist das Frauenopfer, dem keiner etwas Böses will und jeder etwas Böses tut. Trotzdem sind alle in ihrer traurigen Sehnsucht nach Verständnis Einsame am Liebesabgrund. Mit dem famosen Ensemble erzählt Daniela Löffner davon im Geiste Gerhart Hauptmanns auf spektakulär hellsichtige Weise: ein unerbittliches Theaterfest.

          Wut in der Bretterbude: das Ensemble von „Kohlhaas“.
          Wut in der Bretterbude: das Ensemble von „Kohlhaas“. : Bild: Arno Declair

          Die einen träumen von Freiheit außerhalb der Konventionen, der Rosshändler Michael Kohlhaas dagegen von Freiheit innerhalb der Konventionen, das heißt nach klaren Regeln. Er wünscht sich gleiches Recht für alle. So angebracht das ist, klingen seine diesbezüglichen Bestrebungen samt Mord und Brandschatzungen am Ende mehr nach: alles, was recht ist. Heinrich von Kleists Novelle wurde von Andreas Kriegenburg als Koproduktion zwischen den Bregenzer Festspielen und dem Deutschen Theater Berlin inszeniert, wo „Michael Kohlhaas“ jetzt herauskam.

          Im Bühnenbild von Harald Thor, einer düsteren, aus rohen Brettern zusammengeschusterten Mehrzweckhalle, findet ein ebenso düsteres, roh zusammengeschustertes Männerspektakel statt. Man pöbelt, brüllt, lacht im Rebellenchor, zertrümmert kollektiv Holzplanken, betätigt sich mit Kohlhaas im „Geschäft der Rache“. Dem ist Willkür widerfahren, wodurch er Schaden erlitten hat und Witwer wurde. Mit seiner Bande greift er zur Selbstjustiz. Max Simonischek steht die wenig inspirierte Aufführung mit Kraft und Würde, dabei leider sehr monochrom und verquält durch. Er hat Wut im Leib, doch kaum Möglichkeiten, sie auszugestalten.

          Brigitte Urhausen als seine Frau und Lorena Handschin als Wahrsagerin spielen überdies zwei „Erzählerinnen“, die in Kriegenburgs Stückfassung ihre feministischen Standpunkte zur Geschichte vortragen und Kohlhaas abkanzeln: „Es ging dir immer nur ums Recht. Wie ist es aber mit dem Leben deiner Frau und deiner Kinder? Was ist mit deren Recht? Mit deren Recht auf Leben?“ Geradezu altväterisch pfropft der Regisseur dem 1810 erschienenen Text seine heutigen Kenntnisse und Meinungen auf. Das geht nicht gut, Heinrich von Kleist bleibt der Klügere. Und Schönere.

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