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Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

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Romantischer Revolutionär: Lord Byron auf einer Zeichnung von Henri Martin Tome Bild: ? Rue des Archives/Collection Gr

Seinetwegen warfen sich die Menschen von den Klippen: Lord Byron ist der Inbegriff des romantisch-revolutionären Künstlers. Sein Stück „Sardanapal“ gehört zurück auf den Spielplan unserer Theater! Ein Gastbeitrag

          11 Min.

          Vor 150 Millionen Jahren war es in Europa warm und feucht, und riesige Brontosaurier fraßen Zypressenwipfel kahl. Vor 15 000 Jahren dann herrschte Eiszeit, die Erdoberfläche war von meterhohen Gletschern bedeckt, Leben war keines zu finden. Das weiß man. Und es erstaunt niemanden. Und auch, dass die Zeit jeden von uns totschlägt und selbst vom großen Alexander nur Dreck bleibt, der ein Spundloch stopft, ist schon oft gedacht und geschrieben worden. Dass aber ein Mann, der vor 200 Jahren dem Seelenzustand einer ganzen Zeit seinen Namen lieh, nach dessen Tod sich Frauen von Klippen und Männer in Mutlosigkeit stürzten, dass dieser Mann und all seine Werke vollkommen vergessen wurden – das ist bemerkenswert, ernüchternd und zu betrauern. Dieser sehr vergessene Mann, Dichter, Politiker, Reisende, Magersüchtige und Freiheitskämpfer mit deformierten Achillessehnen, von dem hier die Rede ist, war George Gordon Byron, damals auch bekannt als Lord Byron. Die kulturelle Bewegung, die seinen Namen trug, nannte sich „Byronismus“, der „Weltschmerz“, ein furchtbarer, lebenslanger Schmerz, den er hätte nur enden können, wenn die Welt geendet wäre. Und die vergessenen Werke des angelsächsischen Erfolsautors Nummer eins der ersten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts heißen „Manfred“, „Childe Harold“, „Kain“ und – „Sardanapal“. Aber während „Nathan der Weise“ und überhaupt Lessing im Allgemeinen ruhig eine Zeitlang auf der Ersatzbank der Theater-Nationalmannschaft Platz nehmen könnten, verdient insbesondere die mühelose, frecherweise als Tragödie bezeichnete und Goethe gewidmete peinlicherweise vergessene Melange aus Tragödie, Burleske und Melodram namens „Sardanapal“ eine strahlende Wiedergeburt. Seit 1821 stellt König Sardanapal darin diese Frage: „Wenn ich nicht ich bin, hier- wer kann ich sein? Wo?“ Die Antwort spürt er. Wir spüren sie auch, für uns selbst. Und diese skeptische Frage der Moderne nach der Möglichkeit der Freiheit des Einzelnen von inneren und äußeren Normierungszwängen – wer kann sie denn wirklich verdrängen? Diese tief empfundene Sehnsucht nach einem Leben in einem anderen Körper, in einer anderen Welt, zu einer anderen Zeit – wer hat sie nicht?

          Melange aus Tragödie und Melodram

          Die Quellen des Dramas waren Byron nach eigener Aussage bereits als Zwölfjährigem bekannt: Sardanapal galt lange Zeit in den traditionellen Überlieferungen als der letzte Herrscher über das altassyrische Reich bis zu dessen Untergang, den der König hiernach selbst herbeiführte, indem er sich selbst und all seine Schätze bei der Zerstörung der Stadt Ninive im Jahre 606 v. Chr im Königspalast anzündete. Diese mittlerweile widerlegten Ereignisse fand Byron bei dem antiken griechischen Chronisten Diodor. Byron nimmt diesen Stoff auf, verändert ihn allerdings erheblich. Er verfasst das fünfaktige Versdrama streng nach dem aristotelischen Gesetz der drei Einheiten (Einheit der Handlung, Einheit des Ortes, Einheit der Zeit), was dazu führt, dass sein König Sardanapal sich ausschließlich in der Halle des Palastes aufhält und innerhalb nur einer kurzen Sommernacht unaufhaltsam der Katastrophe entgegengeht. Der Verlauf des Verhängnisses soll hier schnell erzählt sein: König Sardanapal lehnt grundsätzlich die althergebrachte und sich immer wiederholende Form der Herrschaft durch Unterdrückung, Verstellung, Expansion, Lüge und Gewalt ab, vielmehr genießt, betrachtet, singt, küsst und träumt er. Statt andere zu töten lebt er lieber. Er achtet darauf, „sich keine Freiheit zu nehmen, die er dem Volk versagt“, er wünscht sich „tränenlose Triumphe“ und ein „Leben ohne Lüge“, er liebt die Sklavin Myrrha, verheiratet ist er aber mit Königin Zarina.

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