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Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

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Wellen aus Gelächter und Gespräch

Doch fern aller verstandesmäßigen Informationen, die „Sardanapal“ enthält, schenkt Byron dem Theater hier das, was es zur Kunst geraten lassen kann: sinnliche Erfahrungen, die unsere starren Verstandeswege und Denkbilder zerstören. Der Auftritt Sardanapals als queere Erscheinung samt riesigem Gefolge in unglaublichen Kostümen, alles müsste wogen und wallen auf der Bühne. Ich stelle mir langes, schier endloses Bankettieren vor, erfüllt von Wellen aus Gelächter und Gespräch und Schweigen und Nachdenken, Schlaf, Stille, Betrachten des Nachthimmels, uferlose Fecht- und Kampfszenen, die sich umformen zu Tanz- und Gesangspassagen. Und erst das Ende! Tragödie und Melodram wechseln sich in stetigem Übergang ab: ein riesiger Scheiterhaufen, der tatsächlich angezündet wird – und dann fällt der Vorhang, man hört das Knacken des Holzstoßes, vorbei. Überhaupt ist Byrons Verweis auf Bacchus (Dionysos) natürlich ein willkommener und notwendiger Ruf, Sinnlichkeit überall zu suchen, wo man fündig werden könnte. Ohne ein Theater der digitalen Moderne, der Handschriften, ohne Second Screens, der einfachen binären Wahrheiten – denn das alles ist keinen Heller wert, wie wir gelernt haben. Einfach essen, trinken, lieben, denken, tanzen, wogen, singen, schweigen, murmeln, baden, liegen, fechten, gondelieren, stottern – und die Verse meisterlich beherrschen, das ist klar. Es gibt ein beeindruckendes Derivat von Byrons Drama, das im Gegensatz zum Schoß, dem es entsprang, ganz und gar nicht vergessen worden ist. Es ist das Gemälde „Der Tod des Sardanapal“ von Eugène Delacroix, es hängt im Louvre, und es entstand, nachdem Delacroix Byrons burleske Tragödie gelesen hatte. Es stammt aus einer Zeit, in der die Bildende Kunst dem Theater fruchtbare Hinweise zu geben vermochte und nicht hauptsächlich tiefe Leere abbildete.

Lesen Sie hier von der „Langen Nacht der vergessenen Stücke“ der F.A.Z.

Dieses Bild wird von Kunsthistorikern gerne als „Orgie aus Farbe und Bewegung“ beschrieben. Wäre es nicht herrlich, eine solche Orgie auch im Theater erleben zu können? Und wenn sich dies alles nicht lediglich ein Regisseur als das eine Fundament der Erkenntnis zu Hause am Schreibtisch ausdenkt oder in Reihe drei auf der Probe, könnte das seit langem abgewirtschaftete theoretische Theater wieder einen „Zug zur Unendlichkeit“ (Nietzsche) erhalten, ohne den Theater doch nur moralische Anstalt einfachster geistiger und ästhetischer Bauart sein kann, durch seine letztlich spießbürgerliche Jagd nach aktuellen Themen meilenweit entfernt von Wirklichkeit und ihrem Mysterium. Der lustige, traurige und gar nicht zerrissene Mensch Sardanapal spricht: „Es tritt / Doch immer etwas zwischen uns und dem, / Was wir für unser Glück ansehn.“ Diese unstillbare, unendliche Sehnsucht ist es, wo das Theater zu Hause ist.

Fabian Hinrichs, Jahrgang 1974, studierte erst Rechtswissenschaften, dann Schauspiel, war Ensemblemitglied der Berliner Volksbühne und spielt in zahlreichen Film- und Fernsehproduktionen.

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