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Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

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Ich möchte eine Rose sein

Ibsen, das Genie, hat recht: Sardanapal ist ein vernünftiger Mensch, die eigene Identität ständig brechend. Als ob er neben Nelkenblättern und Rosenwasser Brechts Aphorismen auf dem Nachttischchen liegen hätte, macht er nämlich das, was Brechts identitätskritischer Satz „Die Situationen sind die Mütter der Menschen“ beschreibt: Er nimmt schließlich das Schwert und wirft sich selbst in den Kampf. Anfangs durch liberales Laissez-faire übernimmt er nun Verantwortung für andere durch Ausübung autoritärer Herrschaft. Er kümmert sich jetzt auch auf einmal um seine Familie, nachdem er vorher biologische Verwandtschaft für irrelevant erklärt hat. In alldem ist er keine persönlichkeitsgestörte Person im klinischen Sinne. Er ist „a Mentsh“ wie es im Jiddischen heißt. Am Ende wird alles, was ihn gezwungen hat, das zu sein, was er ist, verbrannt: der Thron, die Krone, er selbst. „It’s better to burn out than to fade away / My My, Hey Hey“ singt Neil Young 1977. 1821 schreibt Byron im Sardanapal: „Ich möchte eine Rose sein die man pflückt statt zu welken.“ Das ist es, das Schauen in den Abgrund. Das klingt alles sehr tragisch. Das ist es auch. Und doch ist „Sardanapal“ keine Tragödie, sondern eine Burleske, meinetwegen auch eine burleske Tragödie oder eine tragische Burleske. Denn so wie er seine Stellung und sein Leben als König als eine von außen auferlegte Rolle begreifen kann, die ihm ohne jegliches Casting zugefallen ist, so nimmt er auch alle Veränderungen des Profils dieser Königsrolle an, die durch die sich nacheinander ablösenden krisenhaften Situationen entstehen. Und zwar mit einem auf deutschen Bühnen endemischen Wesenszug: Humor. Was habe ich gelacht. Bereits der Auftritt: ein Regierungschef als sich darin ganz selbstverständlich verhaltene Drag Queen, und das geschrieben und aufgeführt im neunzehnten Jahrhundert, als die Queer-Theorie noch nicht einmal eine Träne im Ozean war.

Wenn Sardanapal in höchster Not endlich das Schwert ergreift, um sein Leben zu verteidigen, reicht er es nach einmaligem Hochheben gleich an den Nächstbesten weiter – es ist ihm einfach zu schwer, der Kampf kann so ja unmöglich genossen werden. Im dritten Akt, als die Aufständischen seinen Palast stürmen und er so schnell es irgend geht seine Rüstung anlegen soll, lässt er sich erst einmal von bestürzten Dienern einen Spiegel bringen, um zu bemerken: „Der Panzer steht mir gut.“ Der Helm wiederum jedoch gefällt ihm nicht, er ist ihm zu schwer, zu klobig, steht ihm nicht, im Gegensatz zum ultraleichten diademgeschmückten, der allerdings lediglich die Accessoire-Schutzklasse erreicht. Egal, die Funktion folgt der Form, die Form folgt dem Erhabenen. Byron selbst rief einst in Rom beim Anblick der von Bertel Thorvaldsen gerade fertiggestellten Byron-Büste aus: „Nein, das ist gar nicht ähnlich, ich sehe viel unglücklicher aus!“ Beim Errichten des Scheiterhaufens („der königlichste aller Scheiterhaufen“) schließlich gibt Sardanapal Regieanweisungen, wie und wo das Holz aufzuschichten ist, um Rauch- und Lichteffekte zu erzielen, von denen man noch Jahrhunderte später sprechen wird. Die beiden Liebenden Sardanapal und Myrrha stehen vor dem Holzstoß, „Und jetzt leb’ wohl, / Ein letzt Umarmen noch! Ja, wenn das Feuer unsre Asche mischt.“ – der Tod, ein Irrtum, zu schön, um wahr zu sein. Und all dieses burleske Treiben, dies ganze Spiel im Spiel geschieht mühelos inmitten des strengen aristotelischen Baugesetzes für Tragödien, dem Gesetz der drei Einheiten. Wie spießig und karg kommen einem da die meisten griechischen Tragödien vor, wie tot, starr, unwahr. Denn Wahrheit gibt es nicht einfach so, sie wird erbaut, wie das Subjekt, wie die Rollen, die man spielt, in den Gebäuden, in denen man lebt, oder im Theater. Wie die Worte, die man spricht, nachdem sie einem vorher beigebracht wurden. Und jeder Versuch, das Ganze zu bestimmen, muss scheitern. Und aus diesem Grunde sind jene Theaterabende, während derer man nicht einige Male lachen muss, missglückte Versuche, mit Konzepten des Verstandes eine ästhetische Erfahrung zu erbasteln.

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