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Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

  • -Aktualisiert am

Unter der Straße ist kein Strand

Ruhm, was ist das?“, fragt König Sardanapal die geliebte Myrrha. Ja, was ist das? Und die Zeilen: „Und keine Krone mehr zu tragen als Von Blumen nur“, sie könnten von Walt Whitman stammen. Oder von Joni Mitchell. Doch Verse wie diese verführen leicht dazu, in König Sardanapal einen gebrauchspazifistisch-hedonistischen und daher im Kern unpolitischen Vorreiter der Hippies zu erblicken. Aber auch hier landet man, wenn man den Gedankengang bis zum Ende geht, ganz woanders. Denn während der Hippie beziehungsweise Neo-Hippie damit beschäftigt ist, selbst das langweiligste Zeug zum Event zu machen, und glaubt, indem er Momente und nicht Geld sammelt, für sich und seine Community die Straße zum Glück gefunden zu haben, weiß Sardanapal, dass es diese Straße so nicht gibt. Unter ihr ist nicht der Strand, sondern die verächtlichen Verhältnisse, und sie führt nicht zu Happiness und Freiheit, sondern in den Abgrund von Selbst- und Fremdkontrolle. Sardanapal versteht, dass dieses Glück für ihn und auch für alle anderen nur zu haben wäre, wenn er leben könnte, „so wie immer ich mag“ und „wie immer sie mögen“. Die praktische Welt, in der wir leben müssen, in die wir hineingeboren werden, ist aber keine, in der eine solche Bruchlosigkeit mit sich selbst möglich ist: „Ich bin der Sklave der Verhältnisse, – Des Augenblicks, von jedem Hauch bewegt, – Falsch auf dem Thron, im Leben falsch gestellt;- Ich weiss nicht, was ich konnte sein; doch fühl’, – Ich bin nicht was ich sein gesollt.“ Das, was er ist, wie und was er denken kann und soll, wurde ihm, dem Menschen Sardanapal, auferlegt, das weiß er. Auferlegt – von wem? Sardanapal spricht nie vom Menschen an sich und zum Menschen an sich, sondern kennt nur den Menschen in der Mehrzahl. In einer Welt, in der die Menschen leben müssen, kann die schmerzhafte und oft tödliche Distanz zwischen den Menschen untereinander nur durch das Mitleid überwunden werden. König Sardanapal besitzt dieses ständische, nationale, sexuelle und geschlechtliche Unterschiede übergreifende Mitleid „Ich hasse jede Qual: / Die, die man macht, wie die, die man erleidet. / Wir haben innerlich genug davon, / Der höchste Fürst, der niedrigste Vasall, / Um jene Last von schwerem Menschenleid, / Das uns Natur bescheert, nicht noch zu mehren; / Vielmehr des Lebens mannichfaltig Weh’ / Durch gegenseitige Erleichterung / Zu mildern und zu mindern allenthalb.“

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