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Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

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Die Welt im Rücken: Schauspieler Fabian Hinrichs 2013 im Schauspielhaus in Hamburg bei einer Fotoprobe des Theaterstücks "Ich. Welt. Wir. Es zischeln 1000 Fragen".

Das meiste hiervon erscheint höchst unvernünftig. Ist es aber nicht, ganz und gar nicht. Denn das, was von Sardanapals Beratern, Freunden und der Bevölkerung seines Reiches eingefordert wird, ist nicht Vernunft. Es ist vielmehr deren Rückseite. Es ist eine unvernünftige, weil unmenschliche Vernunft, in deren Namen „Meere von Blut vergossen“ und „Menschen fortgetrieben werden“. Hinter diesem alles und jeden bestimmenden verstandesbestimmten Denken und Handeln verbirgt sich die uneingeschränkt bestimmende Moral vom universalen Menschen, vom Menschen an sich, die dafür sorgt, dass von ganz wirklichen, lebendigen Menschen „Pyramiden, babylonsche Wälle im Schweiße ihres Angesichts“ gebaut werden. Nur einer hat tatsächlich nicht die Absicht, eine Mauer zu errichten, auch keine schöne – König Sardanapal. Wenn Sardanapal sein auch heute noch überzeugendes Programm praktischer Vernunft anbietet, eines, das man gar nicht groß genug schreiben und fett genug drucken kann, nämlich „EAT, DRINK, AND LOVE; THE REST IS NOT WORTH A FILLIP“, wendet er sich, vollkommen vorbildlos, gegen die Wiederholung des Bisherigen: gegen das ewige Muster des materiellen Wachstums und der Eroberung für ein neues Muster der Liebe, der Toleranz, des Genusses, des Hier und Jetzt, der Naturverbundenheit, der Einbettung des Menschen in einen größeren Naturzusammenhang. Und deutet damit gleichzeitig klar und vollends vernünftig auf die unmenschliche, leere Mitte eines Willens zu Unternehmungen, bei denen Menschen als Stoff dienen, um Werke für die Geschichtsbücher zu erschaffen. Werke, an denen „Tränen hängen“ und die doch nur „zu Asche“ werden. Wie Byrons selbst. Wozu ein Reich, wenn man es nicht genießt, auf einer Gondel den Euphrat entlangfahrend, die Geliebte im Arm, den bestirnten Himmel über sich und ein Viertel Wein in sich? Und was den Wein betrifft – wofür eigentlich bleibt Bacchus – ein anderer Name von Dionysos – in Erinnerung, wofür hat er Anspruch auf Unsterblichkeit? Nicht für „die Meere Bluts, das er vergoss, der Reiche Marken, die / Er wüst gelegt, der Herzen, die er brach“, nein, „hier in diesem Becher ruht / Sein wahrer Anspruch auf Unsterblichkeit“, in der süßen Traube „die er ausgepresst und die er uns geschenkt, / das Menschenherz zu freu’n. Zum Menschen mach’ es dich! / Komm!“. Wie viele Menschen hätten statt des hässlichen Todes im Morast der Schlachtfelder die Möglichkeit zu einem schönen Leben haben können, mit einem solchen in Lebenskunst geschulten König, der keine Trophäen für einen Eintrag in die Geschichtsbücher als Sinngebung des Sinnlosen braucht.

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