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Theaterserie: Lord Byron : Wenn ich nicht ich bin

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Der letzte Schluck für den Verschwörer

Für all das wird er von großen Teilen des Machtapparats und des Volkes verachtet, es wird ein Putsch vorbereitet. Die den König leidenschaftlich bedrängenden Minister fordern nun von ihm endlich ein Führen mit harter Hand. Sardanapal lehnt erst ab, schwankt, und entschließt sich dann spät, den Putschisten gewaltsam und bestimmt entgegenzutreten – zu spät. Die Armee ist geschlagen, die Stadt umzingelt, die Tatsachen sind geschaffen. Er bewirkt die Flucht seiner Frau Zarina samt seiner Söhne, verteilt unter den wenigen verbliebenen und am Leben gebliebenen Getreuen seine Schätze, für sich aber lässt er einen riesigen Scheiterhaufen errichten, in dessen Mitte der Königsthron. Mit Myrrha, die sich weigert zu fliehen, trinkt er einen Becher Wein und widmet den letzten Schluck einem der Verschwörer, Beleses. Sardanapal besteigt den Holzstoß, Myrrha entzündet ihn, sie stürzt sich zu ihrem Geliebten in die Flammen, währenddessen fällt der Vorhang. Applaus. Die große Frage, der Byron in ungezwungenen fünftaktigen Versen hier nachgeht, ist die Frage, die die Philosophie auch zweihundert Jahre nach Kant „nicht losgeworden ist“ (Michel Foucault). Die Frage lautet: „Was ist Aufklärung?“ Und mit ihr kommt eine weitere im Schlepptau: „Was ist Vernunft?“ Also auch: Was ist vernünftig? Wer bestimmt das, von welcher Warte aus? Das Genie Henrik Ibsen sagt, dass bei jedem Gedanken, wenn man ihn zu Ende denkt, das Gegenteil herauskommt. Verhält es sich möglicherweise auch so bei der schnellen Vermutung, das Denken und Handeln König Sardanapals könnten alles Mögliche sein, aber auf keinen Fall vernünftig? Sardanapal säuft, er „bankettiert und bankettiert“, verweigert den Ruf des Volkes nach Governance per Dekret, er zieht sich Frauenkleider an, ist also eher Drag Queen als Principe und hat offensichtlich von vielem sehr viel – viel Zeit, viel Fröhlichkeit und Sexualität von früh bis spät. Er lässt die Rebellen sehr lange nahezu schicksalsergeben gewähren, weigert sich, den von außen an ihn herangetragenen Vorstellungen, wie ein König zu sein hat, zu entsprechen, und wird dafür von großen Teilen des Hofstaates, des Heeres und des Volkes gehasst. Und dennoch: Selbst die schlechtesten Umfragewerte und vehementesten Politikberater haben überhaupt keinen Einfluss auf Sein und Handeln des „She-Kings“ (Byron) Sardanapal. Er verfolgt keine Politik des territorialen Wachstums, ja, noch nicht einmal des gebietsmäßigen Status quo. Er begeht den nach Machiavelli größten Fehler, den ein Regierender überhaupt begehen kann: Er lehnt es ab, gefürchtet zu werden, und will stattdessen geliebt werden. Das für ihn hässlichste Wort lautet „Tugend“. Auf Myrrhas Bitten, die Götter um Rat zu fragen, antwortet er: „Die sprechen nicht.“ Eine göttliche Vernunft gibt es nicht, nicht mehr.

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