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Fluchten in die Phantasie : Orange Kugeln, dazu viel Lehm

Hörend sehen: Auch Wassily Kandinsky war mutmaßlich Synästhetiker und verwandelte in seiner „Komposition X“ von 1939 Töne in Farben und Formen. Bild: akg-images / Maurice Babey

Wenn Töne Farben und Formen produzieren: Imaginäre Klangreise einer Synästhetikerin zum „Begräbnisgesang“ von Johannes Brahms.

          4 Min.

          Es ist still geworden. Kein Konzert, kein Gesang, kein Orchester: Die Pandemie hat der Welt ihre Musik genommen. Für Synästhetiker verändert sich dadurch nicht nur das, was wir hören, sondern auch das, was wir sehen. Denn ihre Sinne sind verkoppelt: Ein Geräusch produziert gleichzeitig eine visuelle Wahrnehmung, die als Textur, dreidimensionale Form oder Farbe zu sehen ist. Buchstaben sind bunt, Wochentage haben eine Statur, Gerüche lösen visuelle Empfindungen aus, gedachte oder gesprochene Worte laufen in einer bestimmten Formation vor dem inneren Auge ab, emotionale Zustände erscheinen in Farben und Mustern. Es gibt unterschiedliche Ausprägungen der Synästhesie. Die neuronale Gehirnstruktur verbindet Gehirnareale, die normalerweise voneinander getrennt sind. Fünf ist zum Beispiel nicht bloß eine Zahl, sondern – je nach individueller synästhetischer Wahrnehmung – unweigerlich blau. Töne sind nicht nur zu hören, sondern auch zu sehen, in Grün, Gelb, kariert, gestreift, geformt oder ganz anders. Steuern oder gar abstellen kann man diese automatische Auslösung eigentlich unbeteiligter Sinnesreize nicht. Schätzungen zufolge sind etwa vier Prozent der Menschen Synästhetiker. Ich gehöre zu ihnen.

          Hannah Bethke

          Feuilletonkorrespondentin in Berlin.

          Zu einem besonders intensiven synästhetischen Erleben führt die Musik, vor allem wenn sie differenziert komponiert ist und unterschiedliche Klangräume schafft. Gesteigert wird diese sinnliche Erfahrung, wenn man selbst musiziert. Kein noch so ausgetüfteltes Lautsprechersystem mit nahezu perfekter Klangqualität kann das tiefe Gefühl ersetzen, wenn man inmitten eines Chors steht und Teil des visuell überwältigenden Resonanzraums ist. Die Synästhesie verstärkt in meinem Fall die Genauigkeit des Hörens. Wenn die Intonation nicht absolut sauber ist, bekommen die gewaltigen Lichtröhren, die vor dem grau abgestuften Hintergrund besonders in langsamen Chorpartien oft vor meinem inneren Auge erscheinen, Risse und Splitter. Manchmal brechen diese gesungenen Lichtröhren ab oder fallen eine halbe Stufe zu tief und richten Chaos in der Partitur an, die zu Ordnung, Disziplin und Präzision aufruft. Alle Sinne sind dann in Aufruhr. So kann das Streben nach perfekter Intonation zu einem mühsamen Unterfangen werden. Aber die Intensität dieser tiefen sinnlichen Erfahrung führt zu einer Übereinstimmung mit sich selbst, wie sie so kraftvoll nur durch Musik vermittelt werden kann.

          Schmerzlich vermisster Klangraum

          Corona hat die Chorsänger zum Verstummen gebracht. Je stiller es wird, desto größer wird auch meine Sehnsucht nach synästhetischer Resonanz beim gemeinsamen Singen. Keine imaginäre Reise in den so schmerzlich vermissten Klangraum eignet sich da besser als die zu Johannes Brahms. Was die synästhetische Vielfalt betrifft, haben seine Chorwerke mehr zu bieten als etwa die von Johann Sebastian Bach, dessen klare Klangstruktur überwältigend ist, aber synästhetisch eher synchron verläuft. Die filigranen Elemente, die in meiner synästhetischen Wahrnehmung manchmal wie kleine, violett schimmernde Glaskugeln aussehen, gehören zu den überraschenden Momenten im „Deutschen Requiem“ von Brahms, das den Chorsängern sieben Sätze hindurch keine Pause lässt. Er hat aber schon einige Jahre zuvor ein Stück komponiert, das zutiefst aufwühlend ist und in seiner ganzen Traurigkeit dennoch Trost spendet: den „Begräbnisgesang“ von 1860, nach einem Text des Franziskaners Michael Weiße, knappe acht Minuten lang.

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