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Emmylou Harris zum 70. : Eine Langstreckenliebe zwischen Stadt und Land

Emmylou Harris bei einem Konzert in Kalifornien im April 2016 Bild: Picture-Alliance

Sie war oft flinker und fleißiger als andere, aber zugleich beständiger: der Country-, Folk- und Rocksängerin Emmylou Harris zum Geburtstag.

          2 Min.

          In einem der besten Texte der unerreichten feministischen Rockmusikkritikerin Ellen Willis, „Escape from New York“, erschienen in der linken Wochenzeitung „The Village Voice“ am 29. Juli 1981, fasst die Autorin im Vorbeigehen zusammen, was in ihrem Bekanntenkreis von der Gegenkultur der Sechziger und Siebziger am Beginn der Reagan-Ära übriggeblieben ist: bestickte Hemden, Männer mit langen Haaren, und dazu hören wir ein bisschen Emmylou Harris.

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Man könnte die ganze verworrene und weitläufige Geschichte der komplizierten Beziehung zwischen amerikanisch-städtischer Jugend- und Rockmusik einerseits, amerikanisch-ländlicher Folk- und Countrymusik andererseits, zwischen Heimat und Aufbruch, Pathos und Witz, Männern und Frauen als Duett zweier Songs hören, die denselben Titel haben, aber zwei Grenzen eines eigentlich uferlosen Traums von Fernstraßen, Prärie, Wüste und Hochhäusern darstellen: „Born to Run“ – einmal 1975 von Bruce Springsteen und das andere Mal 1982 von Emmylou Harris gesungen. Beim Lederjackenkerl wird der entscheidende Ton am Ende der Zeile „tramps like us, baby we were born to run“ gehalten wie etwas, das geradeaus durch jede Wand will, bei der Lady fällt dasselbe Wort am Ende der Zeile „I was born to be fast I was born to run“ in die Tiefe, damit sich der nächste Atemzug vom Boden der Tatsachen abstoßen kann wie der Fuß einer Marathonläuferin. Die Stimme des Sängers unterwirft sich, obwohl sie „we“ sagt, den Song solistisch. Die Stimme der Sängerin harmoniert im Refrain, obwohl sie „I“ sagt, mit einer männlichen.

          Dass man über sich selbst ein Lied singt, dies aber nicht allein tut, sondern im Zusammenklang mit einer anderen Subjektivität, ist ein vom country-typischen Gefühlsspektrum zwischen Melancholie und Schunkellaune begünstigter Kunstgriff, den kaum jemand so nachtigallklar hingekriegt hat wie Emmylou Harris, mit Ausnahme ihrer beiden größten Erbinnen zu Lebzeiten, Alison Krauss (mit oder ohne Union Station) und Gillian Welch. Von dem Moment vor fünfzig Jahren, als sie beinahe Mitglied der Flying Burrito Brothers geworden wäre, über ihre wunderbaren Trio-Aufnahmen mit Dolly Parton und Linda Ronstadt bis hin zur Zusammenarbeit mit Mark Knopfler, die sogar Ohren zusagt, denen der Mittachtziger-Radiorock, für den Knopfler steht, so wenig gefällt wie ein verstimmtes Sandgebläse, hat Emmylou Harris es verstanden, sich in Zusammenarbeit mit anderen selbst fortlaufend zu erweitern und zu verändern, weshalb die bestmögliche Feier ihres Lebenswerks ein Konzert im Januar 2015 in Washington war, das als „The Life & Songs of Emmylou Harris“ auch als Album vorliegt und als Riesendankesparade mit Gastgrößen von Mavis Staples über Lucinda Williams bis Sheryl Crow das luxuriöse Vorprogramm zum abschließenden Auftritt der gefeierten Dame mit vollem Orchester und „Boulder to Birmingham“ war.

          Als Heimatmusik oft gerade auch Heimatloser hat sie Country stets verstanden und ausgelegt; gegen Trumps Anti-Einwanderungs-Rassismus positioniert sie sich klar, und die Hochachtung von Leuten wie Staples, die auf dem Washingtoner Konzert „my dear friend and sweet little angel Emmylou Harris“ ehrt, hat sie sich mit einer Haltung verdient, die man auf Songs wie „My Name Is Emmett Till“ (2011) erleben kann, einem Stück über einen vierzehnjährigen schwarzen Jungen, der 1955 gelyncht wurde, weil er mit einer weißen Frau geflirtet haben soll.

          Wo Heimatgeschichte so aussieht, verlangt die Liebe zum Heimatlied eine Unruhe, die sich in keinem Nest einrichtet – in „Born to Run“ singt Harris: „Well it comes to he who waits I’m told / But I don’t need it when I’m old and gray / Yeah, I want it today“ – „it“ ist: Freiheit.

          Sie wollte nicht warten, bis sie alt und grau ist, und wurde dann zwar dennoch älter sowie, na, sagen wir, schön silbern (mit etwas Lila dabei), hat aber tatsächlich nie schicksalsergeben abgewartet, statt zu sprechen, zu spielen, zu singen. Am Sonntag wird Emmylou Harris siebzig Jahre alt.

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