https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/eine-bilanz-der-wiener-festwochen-18120728.html

Wiener Festwochen : Was, bitte schön, ist denn normal?

  • -Aktualisiert am

Caroline Peters in „Die Maschine steht nicht still“ Bild: Frank Dehner

Schwanengesang, Verhörprotokolle, die Sirenenklänge der Künstlichen Intelligenz und rund dreißigtausend verkaufte Karten: Eine Bilanz der Wiener Festwochen.

          4 Min.

          Die heurigen Wiener Festwochen sind zu Ende. Wir haben Produktionen von bestechender Einfalt und verblüffendem Scharfsinn gesehen. Seit Ausbruch der Pandemie waren das nun endlich wieder einmal Festwochen, wie wir sie von früher kennen. Und das tat in diesen unsicheren Zeiten dann doch ziemlich gut.

          Obwohl Intendant Christophe Slagmuylder den Schwerpunkt diesmal ausdrücklich auf Musik – von Freiluftkonzerten über Oper bis hin zu musikalischen Experimenten – legte, blieben doch genug von den insgesamt mehr als dreißig (je nachdem, ob man die „Workshops“ mitzählt, bis zu neununddreißig) Produktionen, die man mehr oder weniger dem Sprechtheater zurechnen kann.

          Da wäre zum Beispiel der beeindruckende „Swan Song“ von und mit Buhle Ngaba. Die Uraufführung fand 2017 beim jährlichen Festival „Suidoosterfees“ in Kapstadt statt. Die südafrikanische Künstlerin berichtet, beschreibt, spielt in dieser knapp einstündigen Inszenierung vom nie ganz leichten, manchmal verkorksten, zum Glück manchmal aber auch fröhlichen Weg einer jungen Frau zur Selbstentfaltung, die einer schweren Krankheit abgetrotzt werden muss – so stünden etwa ihre Schulterblätter vom Körper ab, was an einen Schwan erinnert, der irgendwann dann seine Schwingen ausbreitet und gen Himmel abhebt. Tatsächlich war dies das schöne Schlussbild des Abends. Auch außerhalb der Bühne engagiert sich Buhle Ngaba für Mädchen und Buben „of colour“ und deren Wünsche und Chancen, etwa als Autorin und Herausgeberin von Büchern wie etwa „The Girl Without a Sound“ (2016) oder „The New Girl Code“ (2018).

          Streit mit „Siri“

          Die angekündigte Weltpremiere von „We Had a Lot of Bells“ von dem aus Darwin, Australien, stammenden, aber derzeit in Berlin lebenden Damian Rebgetz fing zwar recht unterhaltsam an, kippte aber bald in ein ziemlich uninspiriertes Gebimmel um – fast ausschließlich mittels Glocken ab der Größe einer Schiffsglocke. Ach ja, eine elektronische Orgel oder so etwas Ähnliches war auch noch auf der Bühne im Hintergrund versteckt. Man konnte die Vorstellung getrost nach einer halben Stunde verlassen.

          Äußerst angenehm überrascht wurde man sodann von „The Shadow Whose Prey the Hunter Becomes“ der australischen Experimentaltruppe „Back to Back Theatre“. Die Uraufführung fand 2019 in Sydney statt, und Text und Konzept wurden, wie üblich, gemeinsam von auch als Darstellern agierenden Menschen mit Behinderung entwickelt. Das inklusive Ensemble besteht aus Schauspielerinnen und Schauspielern, die entweder neurodivergent sind oder mit einer körperlichen Behinderung leben oder auf die beides zutrifft.

          Buhle Ngaba in „Swan Song“
          Buhle Ngaba in „Swan Song“ : Bild: Shaun Oelf

          Die Handlung ist überschaubar, wirft aber sehr komplexe Fragen auf. Während einer fiktiven Versammlung soll ein Beschluss gefasst werden, wie man „richtig“ mit Menschen mit Behinderungen umzugehen hat. Die Darsteller machen sich dabei übereinander lustig, bringen ernsthafte und gleichzeitig spaßige Argumente vor, binden schon einmal auch das Saalpublikum ein oder streiten mit „Siri“, dem Übersetzungsprogramm mit Künstlicher Intelligenz. Selten so herzhaft gelacht wie bei dieser Befragung von Konzeptionen von „Normalität“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der chinesische Staats- und Parteichef Xi Jinping am 30. Juni in Hongkong

          Xi Jinping zu Besuch : Polizeistaat Hongkong

          China kann die einst liberale Stadt Hongkong nur mit Zwang integrieren. Das sagt etwas über die Strahlkraft des chinesischen Entwicklungsmodells.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.