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Schweizer „Tartuffe“ und „Hamlet“ : Ach Welt, wärst Du doch frei

Alles nicht mehr so geil wie früher: In Peter Lichts Tartüffe ist die Welt eher flach. Bild: Foto Priska Ketterer/Theater Basel

Schein, Verstellung, Frömmelei, das beherrschen sie beide. Auch das böse Ende teilen sie. Ein Züricher „Hamlet“ und ein Basler „Tartuffe“ treffen sich dort, wo statt der Seele die Pointe wohnt.

          Hamlet und Tartuffe, der nordische Heldenprinz und der Pariser Heuchler, hätten sie sich etwas zu sagen, wenn sie sich träfen? Der eine mit Buch und Totenkopf in der Hand, der andere mit Taschentuch und Riechfläschchen, begegnen einander auf dem geschäftigen Boulevard der Theatergeschichte: „Schwachheit, dein Name ist Weib“, darauf könnten sie sich wohl schnell einigen, vielleicht auch noch auf die Ausrede „wir sind ja keine Engel“, aber sonst? Viel miteinander anfangen könnten sie kaum. Hamlet würde den geschickten Erbschleicher bald weiterschicken zu Claudius, seinem vatermordenden Onkel, der dem Franzosen wesensnäher scheint.

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Auch der böse Onkel ist ein heuchlerischer Intrigant, der von außen zerstörerisch in eine Familie hineinwirkt und großes Unheil über sie bringt. Schein, Verstellung, Frömmelei, das beherrschen sie beide. Auch das böse Ende teilen sie – nur dass der feige Mörder Claudius selbst gemordet wird, während der ränkeschmiedende Rhetoriker Tartuffe in eine Besserungsanstalt kommt, auf dass er glücklich den Weg zur Tugend finden möge. Der Prozess der Zivilisation hat seine Spuren hinterlassen.

          Hamlet, der philosophierende, um den Thron gebrachte Prinz, der voll Ekel auf eine faul und fugenlos gewordene Welt herabschaut und sich sehr lange in der Kunst des Zögerns übt – wer ist dieser Shakespeare-Held? Ein Schwächling? Ein Wahnsinniger? Einer, der eine Aufgabe gestellt bekommt, die er gar nicht lösen kann? So viele Fragen hat man an diesen ersten modernen Geistesmenschen.

          Höhepunkte eines spannungsarmen Abends

          In Zürich, wo jetzt wieder einmal ein Hamlet wankend auf die Bühne tritt, bekommt man darauf keine Antwort. Denn so wie ihn der blutjunge Jan Bülow gibt, die Knie quer verdreht in sich verzogen, die Finger falsch am eigenen Gesicht, mit jeder Geste deutlich machend, wie wenig männlich er sich fühlt, wirkt er nur wie ein quengelndes Kind. „Lasst mich grausam sein“, bettelt es und zieht die Mundwinkel zusammen. Ophelia lockt diesen Hamlet nicht, vom maßlosen Grübeln und unbedingtem Drängen hat er immer nur geträumt. Er spricht den Text zwar gut und ernsthaft, versucht ihn hier und da auch hoch- und anzunehmen und muss doch merken: Er ist zu groß, zu schwer für ihn.

          Regisseurin Barbara Frey hat deshalb alle Stimmen verstärken und aussteuern lassen, so dass sie nahbar wie in einem Hörspiel klingen. Und trotzdem: Der Text wirkt aufgesagt, abgespult. Nur Markus Scheumann in seiner Doppelrolle als Claudius und Geist von Hamlets Vater ist überragend. Als nächtliches Gespenst tanzt er mit seinem Sohn, kontrolliert jeden Schritt wie ein alter Tambourmajor mit steifem Hals und Bein. Auch seine Auftritte als Claudius sind Höhepunkte des sonst spannungsarmen Abends. Wie er mit unterkühlter Stimme flüstert: „Sorgen kommen nicht in Spähtrupps, sondern in Bataillonen“, wie er mit flacher Hand einen Brief zusammenfaltet, der Laertes zum Mord verführen soll, hinterhältig, grauenvoll und doch von ferne sehr gebrochen, das schaut man mit Anteil an.

          Vermisst: das Hineingreifen ins Seelenhafte

          Die Mausefalle instrumentiert Bülow, der im Herbst im Kino den jungen Udo Lindenberg spielen wird, als Punkrockkonzert. Das gab es vor einigen Jahren in Dresden in der Roger-Vontobel-Inszenierung mit Christian Friedel allerdings schon einmal besser. Frey inszeniert das heiligste Stück der Theatergeschichte seltsam unbekümmert und temperamentlos. Ein paar humorige Einlagen hier und da, die Bühne nackt, die Kostüme historisierend. Insgesamt ist das ein gediegener Umgang mit dem Klassiker. Der letzte Hamlet-Blick geht forschend ins Publikum, sucht nach einem Spiegel, der sein Bild über das Schweigen hinweg bewahrt.

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