https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buehne-und-konzert/ein-volksfeind-frankfurt-stuttgart-und-wien-zeigen-drama-von-ibsen-18343668.html

Dreimal „Volksfeind“-Premieren : Ein Wutbürger in drei Städten

  • -Aktualisiert am

Ausgelassene Stimmung in Stuttgart: Katharina Hauter als Katrine und Matthias Leja als Tomas Stockmann sowie Klaus Rodewald als Hovstad Bild: Toni Suter

Spiegel einer verfallenen Mediengesellschaft: Frankfurt, Stuttgart und Wien zeigen Henrik Ibsens „Ein Volksfeind“ als Parabel auf den Schrecken des Marktes, auf den Verrat in der Familie und auf die durchgedrehte Technologiegläubigkeit.

          6 Min.

          Wer wann aus welchen Gründen am Pranger steht, ist gerade nicht mehr so leicht zu überschauen. Zensur tritt hierzulande meist nicht mehr in Form staatlicher Sanktionierungsversuche zum Wohl „guter Sitten“ auf, sondern im Gefolge wütender Wellenreiterinnen und cancelnder Twitter-Teams, die wahlweise einen Film, eine Podiumsteilnehmerin oder eine kontroverse wissenschaftliche These aus der öffentlichen Wahrnehmung verbannen wollen – und dadurch meist das Gegenteil erreichen.

          Kevin Hanschke
          Volontär.

          Es geht nicht mehr um den hässlichen Kampf politischer Gegner, es geht um moralische Sauberkeit im Vorfeld. Und darum geht es auch schon in Ibsens 1882 geschriebenem Stück „Ein Volksfeind“. Der Badearzt Tomas Stockmann entdeckt, dass das Wasser in seiner Heimat durch Industrieabflüsse vergiftet ist. Da die verarmte Kleinstadt aber gerade dabei ist, zum prosperierenden Kurort zu werden, hat seine ökologische Entdeckung politische und – weil sein Bruder der Bürgermeister ist – auch familiäre Konsequenzen. Zeigt sich das Lokalblatt aus Aufmerksamkeitssucht zunächst an freier Meinung interessiert, schwindet im Angesicht der drastischen ökonomischen Folgen dieser Meinungsäußerung bald der Rückhalt. Stockmann wird zum Volksfeind erklärt, dem man die Wohnung kündigt und den man aus dem öffentlichen Gespräch ausschließt.

          ◆◆◆

          In Frankfurt hat man sich ganz der Kapitalismuskritik verschrieben. Die Inszenierung der britischen Regisseurin Lily Sykes nimmt das wirtschaftsliberale Narrativ der Alternativlosigkeit zum Aufhänger. Das Kurbad, in der die Wahrheit keinen Platz hat, ist rundum durchökonomisiert. Die baldige Fertigstellung der Badestelle hat einen Boom ausgelöst, der im Sinne der „New Economy“ auf Spekulation fußt. Die Grundstückspreise sind gestiegen, die Auslandsinvestments nehmen sprunghaft zu, und die Stadt, die von der matronenhaft libertären Petra Stockmann (Caroline Dietrich) als Bürgermeisterin geführt wird, befreit sich aus Arbeitslosigkeit und Lethargie. Deshalb sollen auch noch die Steuern für die Reichen gesenkt werden. Gebetsmühlenartig wiederholt sie, die in Pelzmantel und adrettem Kleid als Ayn-Rand-hafte Oligarchin auftritt, das Mantra von „Fortschritt durch Wachstum“.

          Das Bühnenbild von Thea Hoffmann-Axthelm, in dem sich meterhohe Palmen neben Poolanlagen und marmorverzierte Fassaden reihen, soll andeuten, wie reich die Stadt geworden ist. Alle sind „happy“, wie es im Lokalblatt heißt. Das dunkle Geheimnis der verseuchten Quellen, die diesen Wohlstand gefährden, schwebt wie ein Damoklesschwert über allem. Doch noch ist das Machtdreieck aus Politik, Medien und Lobbyisten stabil, genauso wie die wirtschaftspolitische Grundorientierung am Thatcherismus. Der charismatische Drucker Aslaksen, gespielt von Stefan Graf, ist zugleich Präsident des Grundbesitzerverbandes. Hovstadt (Oscar Olivo), der Chefredakteur des „Volksboten“, paktiert mit ihm. Er ist das ärmste Würstchen in dem Haufen, denn seine Zeitung steht wegen sinkender Auflage kurz vor der Schließung. Nur die Zuwendungen des Interessenvertreters halten das Lokalblatt über Wasser.

          Überzeugungstäterin in Frankfurt: Bürgermeisterin Petra Stockmann (Caroline Dietrich) will ihren Bruder Thomas (Isaak Dentler) bekehren.
          Überzeugungstäterin in Frankfurt: Bürgermeisterin Petra Stockmann (Caroline Dietrich) will ihren Bruder Thomas (Isaak Dentler) bekehren. : Bild: Thomas Aurin

          Das Schauspiel Frankfurt verlässt sich ganz auf eine triviale Kritik am freien Markt. Das gesellschaftspolitische Thema des Stücks verschwindet so im Hintergrund, was auch daran liegt, dass der Volksfeind Thomas Stockmann – wenig lustvoll dargestellt von Isaak Dentler – in Sykes Inszenierung eher ein schwacher Charakter ist. Fast schizophren spielt er erst einen moralischen Gutmenschen, der die Stadt vom Würgegriff der Manchester-Kapitalisten retten will, dann einen besserwisserischen Wissenschaftler, der sich selbst als Übermenschen betrachtet, und plötzlich einen Wutbürger, der davon träumt, die Eliten „ein für alle Mal zu eliminieren und unschädlich zu machen“.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Chinas Wende : Als habe es die Null-Covid-Lehre nie gegeben

          In China melden sich verstummte Fachleute wieder zu Wort – und der Propagandaapparat hat einiges zu tun. Mit den Lockerungen soll Staatschef Xi Jinping nicht in Verbindung gebracht werden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.