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Ein Gespräch mit Dieter Dorn : Intendant ist was ganz Furchtbares

Heute feiert er seinen Achtzigsten: Hier verrät der Theater- und Opernregisseur Dieter Dorn, was er im Theater nicht erträgt – und was er von Politikern und Stars hält.

          8 Min.

          Herr Dorn, wie oft gehen Sie in München, nach Ihrem Abschied vom Residenztheater vor vier Jahren, ins Theater?

          Hannes Hintermeier

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Jürgen Kaube

          Ich enthalte mich. Wenn ich in München ins Theater gehe, sagen die einen: „Dorn, dass ich Sie treffe! Finden Sie das nicht auch grauenvoll?“ Und die anderen: „Na, da kannste mal sehen – es gehen auch ganz andere Sachen!“ Das muss ich mir nicht antun.

          Reizt es Sie nicht, wieder mal ein Stück am Theater zu inszenieren – und nicht „bloß“ Oper?

          Als hier 2011 Schluss war, bin ich zusammen mit meinem Bühnenbildner Jürgen Rose sofort in die Inszenierung des „Rings“ in Genf eingestiegen. Das braucht eine ungeheure Zeit. Und ich habe ja auf dem Theater seit 1976 nie mit einem anderen Ensemble gearbeitet als mit dem meinen in München – aus Überzeugung. Das war es, was wir versuchen wollten: Theater für die Stadt zu machen und einen gemeinsamen Weg mit dem Publikum zu gehen.

          Die Ensembleleistung, die an den städtischen Kammerspielen und später am staatlichen Residenztheater erbracht wurde, ist heute nicht mehr vorstellbar.

          Noch heute werde ich von Leuten auf der Straße angesprochen, die sagen: Wir sind mit euch aufgewachsen, wir identifizieren uns mit euch. Das hat uns herausgefordert und uns mutig werden lassen. Denn wenn man danebengehauen hat, hatte man trotzdem Kredit.

          Woran liegt das – an den veränderten Produktionsbedingungen? Sie klagen, heute richteten sich Probentermine nach dem Flugplan der Lufthansa.

          Da kommt viel zusammen. Hauptsächlich liegt das an der extremen Zunahme von Film- und Fernsehrollen. Als wir in Berlin in den Siebzigern „Die Zofen“ von Jean Genet mit Helmut Griem probten, sagte er, er hätte ein Filmangebot mit einer Riesengage von 250.000 Dollar. Thomas Holtzmann, Peter Matic und ich waren geschockt. Aber Griem sagte: „Was regt ihr euch auf? Ich habe eh abgesagt.“ Darauf kriegte ich einen Wutanfall, konnte nicht weiterproben und sagte zu ihm: „Das hättest du für dich behalten können! Egal, was ich jetzt sage, es rechnet sich immer über diese Hunderttausende von Dollar aus. Wenn ich dich lobe, denkst du, ich lobe dich, weil du noch da bist.“ Wir mussten zwei, drei Tage Pause machen.

          Die Macht des Ensembles?

          Ja, das Ensembleprinzip: gemeinsame Verabredungen zur Theaterarbeit über viele Jahre, in der Regel ohne Gastierurlaub an anderen Theatern oder bei den Medien. Das galt auch für den Regisseur. Weiter, dass jeder jede Rolle zu spielen hat, wenn er es denn will – dass es kein Diktat gibt, wer welche Rolle spielt, das war uns immer wichtig. Es gibt viele Schauspieler, bei denen man es bedauert, dass sie den Theaterweg nicht konsequent weitergegangen sind.

          Zum Beispiel?

          Edgar Selge. Er ist ein ungeheurer Schauspieler, der ungeheuren Verlockungen ausgesetzt ist.

          Julian Nida-Rümelin: Laut Dorn „das bestangezogene Stück Seife“ Münchens.

          Hatten Sie insgeheim bestimmte Schauspieler für bestimmte Rollen im Kopf?

          Man muss die Überlegung durchsichtig machen. Das lief zum Beispiel so ab: Wir hatten 1984 „Nathan der Weise“ geplant. Wer spielt den Nathan? Für diese Rolle wären einige in Frage gekommen: Peter Lühr, Thomas Holtzmann, Romuald Pekny, Rolf Boysen, Claus Eberth, Rudolf Wessely. Die Wahl des Regisseurs Fritz Marquardt fiel auf Boysen. Parallel dazu erhielt ich von den Salzburger Festspielen das Angebot, dort ebenfalls den „Nathan“ herauszubringen. Als diese Nachricht vorzeitig durchgesickert war, wurde ich von den obengenannten Kollegen freundlich in die Kantine gebeten: „Du machst den ,Nathan‘ nicht hier, den gibst du Marquardt, und es spielt ihn der Boysen. Das nehmen wir hin, einer nur kann ihn spielen, der Regisseur wird seine Gründe haben. Nun sind wir aber neugierig, warum du den ,Nathan‘ in Salzburg und nicht bei uns inszenierst und wer in Salzburg den Nathan spielen wird, wen besetzt du damit?“ Mein Glück war, dass ich einen Tag vor diesem Gespräch Salzburg abgesagt hatte. So konnte ich den Schauspielern ruhigen Gewissens antworten: „Ihr müsst überhaupt keine Sorge haben, unser Nathan ist von Marquardt, und den spielt Boysen, und einen anderen wird es nicht geben. Ich habe das Angebot nicht angenommen.“ Man konnte sich also aufeinander verlassen.

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