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Ein Gespräch mit Dieter Dorn : Intendant ist was ganz Furchtbares

Schauspieler sagen gern, dass sie immerzu spielen müssen. Wie authentisch sind Stars wie Sunnyi Melles oder Axel Milberg? Wie viel Spiel steckt in deren Privatleben?

Spielen wir nicht alle immer? Ich möchte nichts zu den von Ihnen Erwähnten sagen, aber ein paar Mal war ich schon richtig sauer. Wenn einer kommt und sagt: Ich kann das nicht spielen, fand ich das eine Unverschämtheit mir gegenüber – zu glauben, dass ich diese Verstellung nicht durchschaut hätte.

Wie beurteilen Sie die Ausbildungsmöglichkeiten für Schauspieler?

An Schauspielschulen unterrichten oft Schauspieler, die auf der Bühne nicht ganz so erfolgreich waren. Die Ausbildung ist heute aber auch deshalb so prekär, weil alles darauf abgestellt ist, das erste Engagement als Anfänger am Theater zu bekommen, das heißt, man gibt den Leuten eine Breitband-Ausbildung, anstatt auf sie einzugehen. Im deutschen Stadttheaterbetrieb gibt es einerseits Schicksale, Leute, die nicht vorankommen, und andererseits wird jährlich von den vielen Schauspielschulen ein Riesenreservoir angeboten. Ein harter und schwieriger Weg. Ich selbst bin immer wieder erstaunt, dass es mir gelungen ist, meinen Weg zu gehen – und das sage ich nicht aus Eitelkeit. Es macht einen demütig, auch den vielen gegenüber, die es nicht geschafft haben, und halsstarrig denen gegenüber, die etwas verlangen von einem, was man nicht will.

Das Gegenwartstheater versucht vielfach, anders zu werden, sich in alle möglichen Richtungen in die Gesellschaft hinein zu verbreitern. Es wendet sich von den klassischen Texten ab, stürzt sich auf Romane, Filme, Migranten. Wird dabei übersehen, was das Instrument Theater am besten kann?

Was Sie beschreiben, ist der Endpunkt der Stadttheaterentwicklung als Institution des Bürgertums. Wenn es verschwindet, bekommen wir dann amerikanische oder englische Zustände, wo alles Theaterleben allein an den Hochschulen und an zwei, drei Spezialtheatern hängt? Die Kraft des Theaters kommt aber nicht aus einem einzigen Event oder einem Stück, das zweihundertmal gespielt wird, sondern aus der Kontroverse der Stücke, die nach- und nebeneinander auf dem Spielplan stehen. Wenn Ensembles aufhören, sich schwer zu spielenden Texten zu stellen, wird es für das Stadttheater kritisch.

Technischen Sperenzchen auf der Bühne haben Sie sich stets versagt.

Ich halte mich mit einer Bewertung dazu zurück, ich weiß nur, dass ich diese Mätzchen nicht ertragen kann. Wenn das Theater sich den Medien stellen will, kommt es in sein größtes Verhängnis. Ich sage immer: Ich will keinen Regisseur mit „Video“. Hinten auf der Leinwand Frau Merkel neun mal siebenundzwanzig Meter groß, und vorne steht der kleine Schauspieler, dem keiner mehr zusieht. Solche Reize können nicht funktionieren. Aber wenden wir es ins Positive: Das Theater ist auf der Suche.

Demnächst beginnen Sie mit den Proben für Verdis Oper „La Traviata“ am Schillertheater mit Daniel Barenboim, die Premiere ist kurz vor Weihnachten. Funktioniert der Kick noch?

Das nächste Stück ist immer das schwerste. Nach fast zweieinhalb Jahren in Genf mit dem „Ring“ fordert es meine ganze Konzentration, sich dem Verdischen Um-ta-ta zu widmen. Ich möchte wieder im fast leeren Raum beginnen. Ich sehe eine Szene vor mir, und das lässt mich nicht schlafen: Wie kriege ich das hin? Deshalb: Bilde Künstler, rede nicht.

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