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Ein Gespräch mit Dieter Dorn : Intendant ist was ganz Furchtbares

Meine künstlerischen Freunde und ich wollten diesen ungeheuer großen Texten Leben einhauchen, wir wollten uns ihnen stellen. Denn die Texte sind die Nummer eins. Dann kommen die Schauspieler, als Nummer drei kommt der Regisseur als Hebamme – diese Prioritäten waren ganz klar. Dann muss man gemeinsam das Verborgene, oft auch dem Autor nicht bewusste Stück hinter dem Stück suchen, das „secret play“, wie Peter Brook sagt. Wir saßen oft wie in einem Kahn, der im Nebel auf eine Insel zusteuert, und ich habe so getan, als wüsste ich, wo es langgeht. Das geht nicht mit jedem Stück, nur mit den großen – und mit entsprechender Probenzeit.

Das klingt nun aber doch sehr feierlich nach einem antiken Mysterienkult.

Es gibt kein größeres Mysterium als einen leeren Raum, in dem ein Mensch für Menschen spielt. Eine ungeheure Sache, nicht umzubringen. Es stimmt, was Rolf Boysen gesagt hat: Sechshundert Leute sitzen im Theater, und es laufen sechshundert Vorstellungen ab. Die große Gefahr ist und bleibt die Beliebigkeit. Ich muss immer an den Satz von Heinz Hilpert denken: Einfälle sind die Läuse der Gedanken. Wenn du einen Einfall hast – lass ihn sofort weg. Heute – wo Sie hinkommen, überall Nackte. Dabei ist Nacktheit ein ganz großes Zeichen, und wenn sie das nicht ist, ist sie nur ein blöder Einfall.

Vor welchem Dramatiker hatten Sie den größten Respekt?

Ich habe mich lange nicht an Shakespeare herangetraut. Vom „Mittsommernachtstraum“ hatte ich eine bestimmte Vorstellung, aber dann machte ich den Fehler, in Peter Brooks Inszenierung des Stückes zu gehen – und der hat mich künstlerisch praktisch nackt ausgezogen. Ich saß da und sah Dinge, die ich mir schemenhaft vorgestellt hatte, ganz klar vor mir. Danach brauchte ich sieben Jahre, um mich wieder an das Stück zu wagen, mich meinen Ängsten zu stellen. Wenn es gelingt, das Bild der Gesellschaft, wie Shakespeare sie zeichnet, zu transportieren, dann kapiert man auch etwas über sich selbst.

Und wie geht man mit der Eitelkeit der Schauspieler um?

Man liest im „Kleinen Organon für das Theater “ von Brecht. Da heißt es in Paragraph 1: Schau nie den Schauspieler an, mit dem du gerade spielst. Und in Paragraph 2: Schau immer den Schauspieler an, mit dem du gerade spielst. Das ist das Geheimnis unseres Berufes.

Was macht einen großen Schauspieler aus?

Nicht klüger sein zu wollen als seine Figur, sie nie verraten, ihre Widersprüche hintereinander spielen, nie gleichzeitig. Der Figur ihr Geheimnis lassen und dann allerdings auch die Fähigkeit, zu sagen: Jetzt bringe ich die Zuschauer mal zum Heulen – und dann werden im Parkett die Taschentücher gezückt. Das ist Teil des Geschäftes, jeder Angler kennt das: Der Wurm ist unten, und oben tanzt ein Schwimmer, damit er weiß, wo der Köder ist. Und das braucht ein Schauspieler. Er muss merken, dass der Köder geschluckt wurde.

Und als Regisseur müssen Sie die Verführer verführen können.

Ich erzähle Ihnen mal eine Geschichte über Selbsttäuschung: Der wunderbare Bob Wilson machte „Golden Windows“ mit Maria Nicklisch und Peter Lühr. Er verlangte, dass die Schauspieler jeden Gang, jede Geste mit mathematischer Präzision auszählten – 1, 2, 3, 4, nächste Bewegung, 5, 6, 7 und so weiter. Die Nicklisch hat er überredet, indem er ihr täglich Blumen schickte. Peter Lühr dagegen kam zu mir und sagte: „Ich mache nicht weiter. Ich zähle nicht, ich will da raus.“ Ein paar Tage später kam er wieder und sagte: „Wenn du mich nicht verrätst, sage ich dir, was ich mache. Ich habe mir einen Text ausgedacht, der genau auf seine Zeiten stimmt.“ So geschah es und Bob Wilson lobte ihn überschwänglich: „Du bist grandios, du bist nicht einer dieser psychologischen Schauspieler, die sich vielleicht sogar noch einen Unter-Text merken: Du kannst wirklich zählen!“

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