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Ein Gespräch mit Dieter Dorn : Intendant ist was ganz Furchtbares

Weniger zuverlässig war die Zuneigung, mit der die Kammerspiele von Seiten der Politik rechnen konnten.

Es gibt auf Seiten der Politik eine große Unkenntnis, was Theater angeht. Die künstlerische Beurteilung ist sehr unsicher, Politiker gehen selten ins Theater, wollen aber dort schnelle Erfolge. Richten sich nur nach der veröffentlichten Meinung. Es genügt ein Leserbrief, dann heißt es gleich: Wir sind der Steuerzahler! Wie anfällig und kompliziert und schützenswert so ein Theaterbetrieb ist, davon haben in einem Stadtparlament nur wenige Leute Ahnung. Wir hatten den Vorzug einer dauerhaft hohen Auslastung allein bei den Abonnements, in den Kammerspielen an die 7000, im Residenztheater knapp 13000. Man macht über die Abonnenten gern Witze, aber sie sind die ökonomische Grundierung und ein großer Teil des eigentlichen Publikums.

Als Sie 1983 die Intendanz der Münchner Kammerspiele übernahmen, sagten sie, Intendant zu werden sei nie Ihr Lebenstraum gewesen.

Intendant ist etwas ganz Furchtbares. Ich kam damit aber meinem Ideal, Regisseur einer Schauspieltruppe zu sein, quasi unter dem Deckmantel einer Intendanz, sehr nahe.

1999 trat der Philosophieprofessor Julian Nida-Rümelin in Ihr Leben.

Der kam als neuer Kulturreferent und hat gesehen, die Felder der Kultur sind ziemlich gut bestellt. Was sollte er machen? Er ist wie ein Münchner Fürst aufgetreten und hat mir gesagt: Sie sind lange genug hier, Sie wissen gar nicht, wie viele Leute Sie nicht mehr haben wollen.

Sie revanchierten sich dafür mit der Bemerkung, Nida-Rümelin sei „das bestangezogene Stück Seife“ der Stadt.

Die Kammerspiele waren seinerzeit gerade inmitten einer mehrjährigen Renovierungsphase, nicht die ideale Zeit für ein Theater. Der Umbau hat den Konflikt natürlich verschärft. Kunst und Lärm, das geht nicht zusammen. Wir haben versucht, den Betrieb in Hallen auszulagern, Botho Strauß hat mir sein Stück „Ithaka“ dafür gegeben. Aber der Politik war das alles zu teuer, die Stadt lavierte, so, wie sie jetzt beim Konzertsaal sich genauso erbärmlich aufführt wie der Freistaat.

Mit mathematischer Präzision: Bei Robert Wilson muss man zählen können.

Was empfinden Sie, wenn Sie Herrn Nida-Rümelin heute treffen?

Das macht nichts. Er hat uns, ohne es zu wollen, noch einmal frische Luft verschafft.

Weil Sie im Rentenalter mit großen Teilen des Ensembles die Straßenseite wechselten und 2001 das Residenztheater übernahmen.

Es war ja nicht klar, ob uns die Zuschauer ins Resi folgen würden. Als Kulturminister Hans Zehetmair uns das Staatstheater anbot, waren wir sehr dankbar, weil wir im Ensemble immer noch neugierig aufeinander waren. Vieles war einfacher – ohne das Parteiengezänk im Stadtrat, ohne den Kulturausschuss. Man geht hin, sagt, was man will, und dann bekommt man ein klares Ja oder Nein.

Zehetmair war aber auch eine rare Spezies: ein Kulturpolitiker mit Weitsicht.

Er war gleichzeitig absolutistisch und lässig. Er beschützte unsere Arbeit.

Es gab viele publizistische Attacken, die Sie als Anführer einer kunstreligiösen Sekte beschrieben.

Die „Süddeutsche Zeitung“ hat sich, von Anfang an, an uns abgearbeitet. Gerade die jungen Theaterkritiker haben sich über diesen Weg zu profilieren versucht. Das Publikum kam mit ausgeschnittenen Kritiken ins Theater, und obwohl oder weil die Verrisse immer heftiger wurden, kamen immer mehr Zuschauer.

Reden wir übers Handwerk. Womit fängt das an: Hatten Sie eine innere Liste dessen, was Sie machen wollten?

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