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Bariton Christian Gerhaher im Gespräch : Die übertriebene Träne ist nicht richtig

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Ja. Natürlich. Es muss ja auch manchmal etwas von alleine gehen. Und das gibt es wirklich, es muss so eine Art Killerinstinkt sein, ein autoerotisches Gefühl, dass man es in einem Moment plötzlich weiß und sich selbst sagt: „Ha, ich bin toll!“. So etwas braucht man nämlich auch dazu, nur mit Zweifeln geht‘s nicht.

Haben Sie manchmal Lampenfieber?

Ja. Verheerend. Grässliche Situationen habe ich da schon erlebt. Viele sagen, ein Liederabend sei schwieriger, weil man da so allein auf der Bühne steht. Aber ich fühle mich auf der Opernbühne viel mehr ausgestellt.

Haben Sie je Schauspielunterricht gehabt?

Ja, und zwar schon sehr früh. Die Mutter meines Pianisten, die hatte eine Schauspielgruppe, da habe ich mitgemacht. Als Schüler, als junger Student. Mein erstes Stück, in dem ich mitspielen durfte, war Edward Bonds „Die Hochzeit des Papstes“, da hatte ich einen einzigen Satz zu sagen. An den muss ich heute immer noch oft denken, er ging so: „In sieben Stunden aufstehen“. Und dann hat mir mein Freund, der Schauspieler Michael Autenrieth, für meine Frankfurter Produktionen und darüber hinaus unendlich viel beigebracht. Was ich sehr liebe, ist, mit der Sprache in Dialogen und Rezitativen umzugehen. In der „Fledermaus“, als ich den Eisenstein gespielt habe, das war göttlich! Wir hatten bei den Proben großen Spaß damit. Und wenn man es dann so deichseln kann, dass man es ganz genau auf den Punkt bringt in der Rhythmisierung, das ist wie Musik. Das kann eine echte Freude sein. Zur Rampensau gehört aber auch, dass es nicht nur die schiere Eitelkeit ist. Es kann eine Selbstwahrnehmung dazu kommen, aber das ist eher Sache des Probenprozesses. Später, bei der Aufführung, das geht in jedem Fall über das eigene Ego hinaus. Deswegen ist es so wichtig, sich nicht zu identifizieren mit der Rolle – um noch einmal auf Diderot zurück zu kommen. Und für mich ist die Vorstellung so wichtig, dass ich, als Darsteller, ein Teil des Publikums bin. Man sollte vermeiden, mit eigenen Gefühlen auf die Bühne zu gehen. Aber man muss es nicht vermeiden, mit eigenen Gefühlen wieder von der Bühne runter zu gehen.

Auf Ihrem neuen Schubertalbum singen Sie sich einmal querbeet durch alle Möglichkeiten des Schubert-Liedes: Bekanntes, Unbekanntes, Seltenes, Frühes, Spätes, Balladen, Hymnen. Was haben Sie sich dabei gedacht?

Schwer zu sagen. Jedes einzelne Lied ist ein Individuum. „Nachtviolen“ – das weiß doch keiner, was das sein soll. Aber jeder denkt sich etwas dabei. Ich wollte einfach einmal alles singen, was ich besonders liebe. Ich habe mich gefragt: Was will ich unbedingt singen? Das war erst mal eine sehr lange Latte, und es hat gedauert, das einzudampfen zu einem dramaturgischen Gesamtgebilde.

Es gibt also doch eine bestimmte Reihenfolge, einen Zusammenhang?

Ja, klar. Das gibt es. Aber das Allerwichtigste bei diesem Album ist: Ich erzähle damit keine Geschichte.

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