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Bariton Christian Gerhaher im Gespräch : Die übertriebene Träne ist nicht richtig

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Ich weiß nicht, ob das so stimmt. Es gibt viele Ressentiments auf beiden Seiten. Als ich nur ein Liedsänger war, da haben die Intendanten in den Opernhäusern gesagt: ‚Was wollen wir mit dem? Der kann keine Opern singen’. Oft ist die Sprache ein Problem. In der Oper ist sie vielleicht nicht ganz so wichtig. Aber beim deutschsprachigen Lied ist das anders: im Deutschen braucht man eine extreme Vokaldifferenzierung. Die Formen der Vokale sind so vielfältig im Deutschen, da kann man nicht mit einem Einheits-A oder Einheits-Ä herangehen, sonst wird der Text unverständlich. Und eines der großen Missverständnisse ist es, wenn das Lied zu unterhaltend, zu erzählend und zu dramatisch aufgefasst wird. Ein Lied ist keine Oper im Kleinen.

Aber jedes Lied erzählt doch etwas, für sich, irgendeinen Ausschnitt aus der Welt?

Ein Lied ist weder narrativ, noch ist es dramatisch. Es gibt natürlich Ausnahmen, erzählerische Liederzyklen wie die „Schöne Müllerin“ oder dramatische Balladen, aber das sind Nebenformen. Die Hauptform des Liedes ist lyrisch. Und deshalb entzieht es sich einem totalen Verstehen oder einer Erklärung oder Selbsterklärung, ganz prinzipiell.

Wenn das so wäre, könnte man ja das ganze Gedichte-Analysen sofort vergessen!

Hm. Nein. Natürlich kann man zu jedem Gedicht eine grundsätzliche Aussage machen, mit vielen objektiven Informationen. Meine Meinung ist nur eben, dass der Inhalt eines Liedes durch Worte nicht ganz verstehen läßt. Und deshalb halte ich die verbreitete Auffassung, Lieder seien „Minidramen“, für totalen Quatsch. Lieder sind lyrische Gebilde, sie bringen verschiedene Aspekte zum Leben...

Mehrere Aspekte, gleichzeitig oder nacheinander? Aber bitte, was ist das anderes, als Geschichten erzählen?

Eine Geschichte hat eine Kontingenz, einen Sinn, etwas Abgeschlossenes, hat einen Anfang und ein Ende. All das hat ein Lied nicht. Das ist der Unterschied! Nehmen Sie zum Beispiel „Ganymed“. Franz Schubert hatte zunächst mal überhaupt nicht begriffen, dass hier ein Dialog zwischen Zeus und Ganymed stattfindet. Das musste er aber auch nicht! Denn trotzdem ist das Lied wahnsinnig ergreifend, nur, dass kein Mensch jetzt sagen kann, warum. Hier geht es um alles andere, als um eine Geschichte. Bei Goethe ging es um eine „Entselbstigung“, wie er sagt, und Schubert verkomponiert das, und jetzt kann das keiner auf den Punkt bringen: Was passiert hier eigentlich? Trotzdem ist das eines der schönsten und wichtigsten Lieder. Ich finde genau das herrlich, diese Unschärfe!

Ein anderes Beispiel: „Waldesgespräch“, Eichendorfflieder von Schumann. Auch eines der wichtigsten, schönsten Lieder. Da reitet einer durch den Wald, trifft ein Mädchen, will was mit ihr anfangen, stellt sich leider heraus, sie ist eine Hexe, sie sagt: „Kommst nimmermehr aus diesem Wald“. Das ist doch eine Geschichte, sie hat sogar Anfang und Ende.

Ja, aber es ist eine blöde Geschichte (lacht)

Stimmt. Es sind, wenn Sie so wollen, immer sehr blöde Geschichten. Die meisten Lieder, übrigen auch in den Pop-Songs, erzählen genau das: Man ist verliebt und das geht total schief. Trauer, Wut, Hoffnung. Darum geht es...

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