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Bariton Christian Gerhaher im Gespräch : Die übertriebene Träne ist nicht richtig

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Warum keine Helden?

Weil ich das nicht bin, weil ich das nicht kann. Ich möchte mich nicht überfordern.

Das müssten Sie bitte genauer erklären. Es weiß ja jeder, der Sie schon mal hat singen hören, dass Sie, vom Technischen her gesehen, einfach alles singen können. Wenn Sie von Überforderung sprechen, was ist da gemeint? Dynamik? Höhe? Lautstärke? Meinen Sie, ein dramatischer Bariton müsse tüchtig brüllen?

Ja, genau. Aber die wirklich dramatischen Stimmen singen eher an sich laut und die können das länger tun, ohne sich unbedingt zu schaden.

Sie sind ein lyrischer Bariton, Sie sind ein Liedsänger. Heißt das, Sie können nicht brüllen?

Das habe ich jetzt nicht gesagt. Ich kann natürlich auch ganz gut laut singen. Aber es strengt an. Sagen wir es so: Ich kann keine dramatischen Rollen singen, ohne das Liedsingen zu gefährden. Was übrigens besonders anstrengend ist für eine lyrische Stimme, das sind die Bösewichter. Das Lyrische ist offenbar nicht so sehr gefordert bei einem Bösewicht.

Ich denke, niemandem tut Brüllen gut. Keiner Stimme. Auch nicht den Heldentenören, wie man aus Erfahrung weiß. Ich halte die Einteilung in Stimmfächer für gefährlich, auch für die Sänger, weil sie Stimmen zu früh zu stark festlegt. Kommt es nicht immer darauf an, wie man im Detail eine Rolle gestaltet?

Das sehe ich anders. Diese Einteilung in Fächer ist ungeheuer wichtig für uns. Die verschiedenen Stimmfächer, lyrisch, jugendlich, heldisch oder jugendlich-dramatisch sind ja mit einem Charakter zu verbinden, und daraus ergibt sich eine ungeheure Bandbreite an möglichen Stimmfächern – denen man sich natürlich auch entziehen kann. Nur sollte man die Grundgestimmtheit eines Darstellercharakters nicht überstrapazieren. Im Schauspiel ist das ähnlich. Es gibt ein paar Ausnahmen, Schauspieler, die können alles. Aber normalerweise haben sie, wie wir Sänger auch, nur ein gewisses Repertoire an Möglichkeiten.

Bei Schauspielern denke ich oft, sie sind am besten, wenn sie nur sich selbst spielen ...

Diese Gefahr gibt es bei Sängern genauso: Dass man etwas von sich in eine Rolle hinein tut, statt die Rolle in sich selbst reinzutun! Ich bin überzeugt davon, Diderot hatte Recht, als er das Paradox des Schauspielers beschrieb. Er sagte: Das eigne Gefühl hat auf der Bühne einfach gar nichts zu suchen. Die übertriebene Träne ist nicht richtig. Eine Rolle muss aus einer distanzierten Haltung heraus dargestellt werden, nicht aus emotionalem Nacherleben. Auf die Bühne hinausgehen und einfach alles aus sich rauslassen, das geht gar nicht!

Es gibt ausgezeichnete Opernsänger, die, wenn sie versuchen, Lieder zu singen, total versagen. Umgekehrt funktioniert das besser: Ein guter Liedsänger kann auf die Opernbühne wechseln. Sie sind da ein gutes Beispiel. Woran liegt das?

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