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Karriere eines Volksliedes : Blumenkranz des Widerstands

  • -Aktualisiert am

Mit Blumen gegen die Maskenmänner des Staates: Protestierende Belarussinnen singen das Lied „Kupalinka“. Bild: EPA

Die Frauen in Belarus singen bei ihren Protesten oft das Volkslied „Kupalinka“. Bei einem Solidaritätskonzert in Warschau spielte das Lutosławski Quartett die Weise nun neben Werken von Dmitri Schostakowitsch und George Crumb.

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          In Warschau findet jährlich unter dem Motto „Das Feuer aufhalten!“ ein Gedenkkonzert statt, das an den langen Schatten des Zweiten Weltkriegs erinnert und diesmal, pandemiebedingt vom Mai auf September verschoben, den friedlichen Protesten in Belarus gewidmet wurde. Im Polin-Museum für die Geschichte polnischer Juden trat das Lutosławski Quartett in weißen T-Shirts auf, auf die die Namen von vier bei der Niederschlagung der Proteste Umgekommenen appliziert waren: Alexander Wichor, Alexander Taraikowski, Gennadi Schutow und Konstantin Schyschmakow. Die Musiker spielten das 8. Streichquartett von Schostakowitsch und ein dem Vietnam-Krieg gewidmetes Stück von George Crumb. Außerdem hatten sie den Chor des Minsker Janka-Kupala-Theaters um eine Fernaufführung des belarussischen Volkslieds „Kupalinka“ gebeten, das in diesem Sommer vor allem von Frauen im Angesicht von Omon-Sonderpolizisten gesungen wurde. Per Videoschaltung wurde das Stück Teil des Konzerts.

          Die rührende schlichte Weise über ein Mädchen, das zum Mittsommerfest Blumen pflückt, wurde in Belarus zum neuen Symbol weiblichen Widerstands. Sängerinnen, Kirchenchöre und Laien verabredeten sich an öffentlichen Plätzen, in Einkaufszentren, in Metrostationen, um „Kupalinka“ zu singen. Für die Sänger des 1920 gegründeten Kupala-Theaters hat es eine besondere Bedeutung. Um für die neue Bühne der Belarussischen Sowjetrepublik belarussischsprachige volksnahe Repertoirestücke zu schaffen, schrieben seinerzeit der Poet Michas Tscharot (1896 bis 1937) und der Komponist Wladimir Terawski (1871 bis 1938) eine Oper über das Kupalle genannte Sommerfest. Selbst in Minsk wissen wenige, dass das Lied aus diesem Werk stammt.

          Dichter und Komponist wurden Opfer staatlichen Terrors

          Die Lebensläufe der beiden Künstler sind bezeichnend. Tscharot engagierte sich als Staatsfunktionär für die belarussischsprachige Literatur. Er verfasste jedoch auch unter dem Titel „Ein strenges Urteil unterschreibe ich zuerst“ eine offiziöse poetische Anklageschrift auf Kollegen, die um 1930 aufgrund fabrizierter Anklagen verhaftet und später zum Tode verurteilt wurden oder im GULag verschwanden. 1937 wurde Tscharot selbst verhaftet, legte unter der Folter ein falsches Geständnis ab und wurde vom NKWD hingerichtet.

          Terawski führte früh folkloristische Elemente in Bühnenstücke ein und gab die ersten sowjetischen Volksliederbücher heraus. 1921 wurde er verhaftet und kam für zwei Jahre in Lagerhaft. Danach dirigierte er den Chor der Belarussischen Staatsuniversität und leitete nach deren Schließung 1930 im sowjetischen Minsk noch einen orthodoxen Kirchenchor. Doch 1938 wurde er wieder verhaftet, der Spionage für Polen schuldig erklärt und erschossen.

          Der Theaterleiter musste emigrieren

          Das Werk der ersten Generation sowjetischer Dichter ist in Belarus gleichwohl omnipräsent. Stellvertretend dafür steht der Künstlername des Poeten Janka Kupala, der überall im Land Institutionen und Straßen ziert. Kupala, der eigentlich Iwan Luzewitsch hieß, hatte den Namen des Kupalle-Festes angenommen, das nun unter neuen Vorzeichen in „Kupalinka“ besungen wird.

          Dass der Chor des Janka-Kupala-Theaters das Lied nach Warschau sandte, ist auch ein Akt der Solidarität. Als der Direktor des Theaters, Pawel Latuschko, im August den Protest gegen Polizeigewalt unterstützte, formulierte er seinen Widerspruch als ehemaliger Botschafter und Kulturminister unter Lukaschenka auf Belarussisch und ließ sein Haus weiß-rot-weiß beflaggen. Daraufhin verlor er seinen Posten, wechselte in den Koordinationsrat der Opposition und ersuchte später Polen um politisches Asyl.

          Die große Mehrheit der Schauspieler setzte ein eigenes Zeichen. Mehr als siebzig Schauspieler, Dramaturgen und Techniker kündigten aus Solidarität mit ihrem geschassten Direktor. Das erste staatliche Theater in Minsk hat im Jahr seines 100. Jubiläums, für das die Staatsbank eine Jubiläumsmünze prägen ließ, kein Ensemble.

          Die symbolische Kraft des Liedes beruht nicht zuletzt darauf, dass es mit der frühsowjetischen Renaissance der Volkskunst zugleich auch die spätere Verfolgung ihrer Protagonisten in Erinnerung rief, während eine neue staatlichen Verfolgungswelle rollte. Noch während der belarussische Theaterchor die Verse von dem Mädchen, das Blumen zu einem Kranz windet und dabei weint, intoniert, wird auf die Leinwand des Konzertsaals eine für die friedlichen Proteste ikonisch gewordene Videoaufnahme aus Minsk dazu eingespielt: Eine Gruppe Frauen, die vor der katholischen Kirche im Stadtzentrum von maskierten Männern in den Uniformen der Omon-Spezialeinheiten bedrängt wird, singt ernst und getragen „Kupalinka“. Während der Staat in Gestalt maskierter Polizisten den Ring schließt, mischen sich der Gesang des Chors und der der Frauen. Schließlich stimmt auch das Lutosławski Quartett mit feinem Streicherklang in den Gesang mit ein und verwandelt die digitale Musikbotschaft in ein Live-Konzert.

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