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Günther Rühle im Gespräch : Was ich schreibe, wird einmal als Wahrheit gelten

Theater muss schon etwas mit dem Kopf zu tun haben: Der unverzichtbare Günther Rühle in seinem Wohnhaus in Bad Soden Bild: Wolfgang Eilmes

Günther Rühle wird heute 95 Jahre alt. Er war Feuilletonchef der F.A.Z. und beim „Tagesspiegel“ sowie Theaterintendant. Hier spricht er über Clownstheater, den Fassbinder-Skandal und darüber, wie Berlin ihn enttäuschte.

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          Herr Rühle, als Sie geboren wurden, hieß der deutsche Reichskanzler Wilhelm Marx, im Berlin der Weimarer Republik inszenierte Leopold Jessner Schillers „Wallenstein“, und Max Reinhardt probte George Bernard Shaws „Heilige Johanna“. Können Sie sich noch an Ihren ersten Theaterbesuch erinnern?

          Simon Strauß

          Redakteur im Feuilleton.

          Hubert Spiegel

          Redakteur im Feuilleton.

          Ja, das war 1932. Damals war ich acht Jahre alt und sah den „Götz von Berlichingen“ bei der Eröffnung der Römerberg-Festspiele. Die ganze Altstadt war abgesperrt, Hunderte von Bauernstatisten und viele Pferde warteten auf ihren Auftritt. Heinrich George stand als Götz auf dem Römer-Balkon und brüllte herab: „Sage er seinem Herrn, er solle mich im Arsche lecken“. Unvergesslich. Auf der neuen Schreibmaschine meines Vaters schrieb ich erste Eintrittskarten für mein eigenes Theater in der Bäckerei in Weilburg, in der ich – erzogen von Dienstmädchen und Bäckerburschen – groß wurde. Auf dem überdachten Steg über dem Misthaufen im Hof zum Plumpsklo träumte ich von einem Theater mit Clowns. Wenig später bin ich dann im Staatstheater Bremen von der Oper vollkommen verschreckt worden – das reicht bis heute... Ich sah Verdis „Rigoletto“ und konnte nicht begreifen, wie jemand, der in einem Sack steckt und kurz vor dem Verrecken ist, immer noch so schön singen kann. Das widersprach meinem Wahrheitsanspruch. Nach dem Krieg habe ich in Bremen noch Hans-Joachim Kulenkampff als Tempelherrn gesehen. Ab 1946 war ich als Student in Frankfurt eingeschrieben und da beginnen meine prägenden Theatererlebnisse: „Des Teufels General“ mit Martin Held, „Trauer muss Elektra tragen“, inszeniert von Karl-Heinz Stroux, ab 1952 dann die Stücke von Brecht, Anouilh, O’Neill und Claudel.

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